29.05.2012 21:48
DM - Strategie
Volatilität - Neue Produkte kennen und nutzen / Teil 3
Bevor wir auf die Details der Handelsstrategie eingehen, sei darauf hingewiesen, dass die nachfolgend beschriebenen Ansätze lediglich als Gedankenanstöße und Grundideen verstanden werden sollten, aus denen heraus eigene Strategien entwickelt werden können. Um eine Handelsstrategie in aller Tiefe und Ausführlichkeit zu beleuchten oder gar im Detail zu erklären, bedarf es weiterführender Informationen.
Strategie – Verkauf von VIX-Puts
Die erste hier beschriebene Strategie beruht auf folgender Idee: Der VIX besitzt als Messinstrument der impliziten Volatilität der Optionen auf den S&P 100 Index eine starke Neigung zum Effekt der Rückkehr zu einem Durchschnittswert („mean reversion“). Dies bedeutet, dass der VIX in volatilen Phasen dazu neigt, zu stark anzusteigen, und in ruhigen Zeiten, zu billig zu sein. Im üblichen Börsenhandel wird dies oftmals mit den Begriffen „überkauft“ bzw. „überverkauft“ gleichgesetzt. Grundsätzlich macht es Sinn, beim Erreichen solcher Extrempunkte jeweils eine Position aufzubauen, die auf eine Wiederherstellung des Normalzustands abzielt. In der Realität des Börsenhandels ergibt sich allerdings häufig das Problem, dass tendierende Märkte sich oft für einen längeren Zeitraum im Zustand „überkauft“ befinden können und eine entsprechende Gegenposition dramatisch an Wert verlieren bzw. Verluste anhäufen kann.
Bei Betrachtung der Volatilität muss man allerdings von einer besonderen Situation sprechen. Ein Index wie der VIX, der die realen am Markt existierenden impliziten Volatilitäten misst, kann zwar ebenso für einen längeren Zeitraum überkauft sein, jedoch ist das zeitliche Potenzial dieser Bewegungen begrenzt. Dieses Phänomen lässt sich mit der menschliche Psyche und dem Effekt der Gewöhnung an äußere Umstände erklären. Menschen, und damit natürlich auch Akteure am Börsenmarkt, neigen dazu, sich relativ schnell an äußere Umstände zu gewöhnen. Negative Umstände verlieren mit der Zeit ihren Schrecken, wohingegen sich der Mensch ebenso schnell an positive Umstände gewöhnt. Auf die Börse übertragen heißt dies, dass eine Katastrophe, wie beispielsweise der Tsunami und das Atomunglück im Frühjahr 2011 in Japan, zwar kurzfristig zu starken Stressreaktionen der Börsianer führen – die Nachfrage nach Absicherungsprodukten explodiert und mit dieser die impliziten Volatilitäten –, aber relativ schnell eine Beruhigung der Marktakteure eintritt, obwohl vielleicht das Ereignis selbst oder seine Folgen noch nicht vorüber sind. Genauso verhält es sich mit positiven Ereignissen, beispielsweise einer andauernden Aufwärtsbewegung an den Börsen, welche relativ schnell als Normalität angesehen wird, die Nachfrage nach Absicherungsprodukten stark rückläufig gestaltet und die entsprechenden Volatilitäten fallen lässt.
Aufgrund dieser Überlegungen ließe sich nun die Schlussfolgerung ziehen, dass man immer beim Erkennen solcher Über- bzw. Untertreibungen einfach den VIX oder auf dem VIX basierende Produkte kauft bzw. auf eine entsprechende Gegenreaktion setzt. Bei der hier vorgestellten Strategie kommt dieser Grundgedanke auch zum Tragen, wobei jedoch lediglich der Zustand des Überkauftseins berücksichtigt wird. Dies heißt, ein Handelssignal wird nur dann generiert, wenn der VIX überkauft ist. Steigt dagegen der VIX zu stark an, wird keine entsprechende Gegenposition eingenommen. Warum, wird sich jetzt sicherlich der eine oder andere Leser fragen. Die Antwort darauf ist, dass die Risiken bei einem Anstieg des VIX wesentlich schwerer zu kalkulieren sind als bei einem Rückgang.
Der Blick auf den längerfristigen Chart des VIX zeigt, dass es in der Vergangenheit deutliche Anstiege des VIX gab, welche letztendlich immer wieder korrigiert wurden. Die Höhe der Anstiege ist allerdings sehr verschieden. Während in den letzten Jahren die Anstiege jeweils im Bereich um 50 endeten, stieg der VIX im Zuge des Lehman-Brothers-Kollaps im Jahr 2008 bis auf knapp 90 Punkte an. Historische Rückrechnungen des VIX zeigen, dass im Herbst-Crash des Jahres 1987 der VIX auf ca. 200 Punkte angestiegen wäre.

Man könnte also sagen, dass beim VIX nach oben hin der Spruch „Only the sky is the limit“ gilt. Einen extremen Anstieg des VIX bei einem als schwarzen Schwan bezeichneten Ereignis könnte man kaum mit einem „short call“ oder einer sonstigen Short-Position im VIX unbeschadet überstehen.
Nach unten hin sank der VIX dagegen noch nie unter den Bereich von 9 ab, und selbst wenn dies passieren würde, stellte die 0 eine nicht zu unterschreitende Grenze dar. Ein starker Rückgang des VIX, auch in kurzer Zeit, kann zwar nicht ausgeschlossen werden, aber dass keinerlei Volatilitäten mehr im Markt vorhanden wären, ist natürlich ebenso ausgeschlossen. Außerdem kommt uns hier die Tatsache zugute, dass der Markt Sorglosigkeit – tiefe VIX-Stände – wesentlich schneller bestraft als Angst. Nach oben hat der VIX immer Platz, auf der Unterseite wird er sich immer auf einem bestimmten Niveau einpendeln.
Um von diesen Überlegungen nun zu einer Grundstrategie zu kommen, müssen wir als erstes einen Gradmesser für das Überkauftheitsein des VIX finden. Eine Möglichkeit wäre die Nutzung von Bollinger-Bändern, welche beispielsweise ein Anlaufen des VIX an die zweifache Standardabweichung vom Mittelwert anzeigen.

Tritt dies ein, könnte ein Händler kurzlaufende Put-Optionen auf den VIX verkaufen. Die Optionen, welche nicht direkt auf den VIX, sondern die VIX-Futures berechnet werden (siehe Teil 1), bringen dem Händler eine Prämiengutschrift, welche auf dem Handelskonto gutgeschrieben wird. Über den Zeitwertverfall und den zu erwartenden Rücklauf des VIX an seinen Mittelwert würde sich der Wert der Put-Optionen verringern, so dass der Händler in der Lage wäre, die Optionen entweder zu einem geringeren Wert zurückzukaufen oder gar komplett wertlos verfallen zu lassen.
Was hier auf den ersten Blick einfach klingt, erfordert natürlich in der Praxis weitere Überlegungen und Schritte. So muss der Händler wählen, ob er die Put-Optionen „naked“, also ohne Absicherung, verkauft oder ob er dies lieber als abgesicherte Strategie zum Beispiel in Form eines Bull-Put-Spreads tut. Gleichzeitig muss er Überlegungen anstellen, welche Optionen er konkret verkaufen will. In Frage kommen hier sowohl Optionen mit Strikes direkt am Geld (atm), aber auch aus dem Geld notierende Optionen (otm). Und natürlich spielt auch die Restlaufzeit der Optionen eine wichtige Rolle beim Auswahlverfahren.
Der Autor bevorzugt abgesicherte Strategien mit otm-Optionen und Restlaufzeiten von 30 bis 60 Tagen, wobei eine Mindesthöhe der Prämieneinnahme gegeben sein muss.
Wichtigste Regel beim Verkauf von Optionen ist aber immer das strikte Einhalten von Moneymanagement- und Risikomanagement-Regeln sowie die Formulierung von Adjustierungs- oder Nachfolgestrategien.
Fazit: Der Verkauf von Put-Optionen bei einem Überkauftsein des Volatilitätsindex VIX stellt eine einfache und plausible Grundstrategie dar, die Händler nutzen können, um erste Schritte beim Handel von auf dem VIX basierenden Produkten zu gehen. Die vorgestellte Grundidee kann natürlich mit weiteren Überlegungen und Strategien kombiniert werden, wie etwa der Auswertung der Terminstrukturkurve des VIX und dem zusätzlichen Kaufen von Call-Optionen oder VIX-Futures, wenn ein Rücklauf des VIX von einem Überkauftsein über den Mittelwert hinaus zu erwarten ist. Im letzten Teil dieser Serie werden wir eine weitere Strategie besprechen, mit deren Hilfe man die Kombination aus dem Verhalten der Terminstrukturkurve der VIX-Futures und einem vorhandenen Überkauftsein des VIX nutzen kann.
Dieser Artikel ist erschienen im Derivate Magazin. | Ausgabe 1 | 2012
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Die erste hier beschriebene Strategie beruht auf folgender Idee: Der VIX besitzt als Messinstrument der impliziten Volatilität der Optionen auf den S&P 100 Index eine starke Neigung zum Effekt der Rückkehr zu einem Durchschnittswert („mean reversion“). Dies bedeutet, dass der VIX in volatilen Phasen dazu neigt, zu stark anzusteigen, und in ruhigen Zeiten, zu billig zu sein. Im üblichen Börsenhandel wird dies oftmals mit den Begriffen „überkauft“ bzw. „überverkauft“ gleichgesetzt. Grundsätzlich macht es Sinn, beim Erreichen solcher Extrempunkte jeweils eine Position aufzubauen, die auf eine Wiederherstellung des Normalzustands abzielt. In der Realität des Börsenhandels ergibt sich allerdings häufig das Problem, dass tendierende Märkte sich oft für einen längeren Zeitraum im Zustand „überkauft“ befinden können und eine entsprechende Gegenposition dramatisch an Wert verlieren bzw. Verluste anhäufen kann.
Bei Betrachtung der Volatilität muss man allerdings von einer besonderen Situation sprechen. Ein Index wie der VIX, der die realen am Markt existierenden impliziten Volatilitäten misst, kann zwar ebenso für einen längeren Zeitraum überkauft sein, jedoch ist das zeitliche Potenzial dieser Bewegungen begrenzt. Dieses Phänomen lässt sich mit der menschliche Psyche und dem Effekt der Gewöhnung an äußere Umstände erklären. Menschen, und damit natürlich auch Akteure am Börsenmarkt, neigen dazu, sich relativ schnell an äußere Umstände zu gewöhnen. Negative Umstände verlieren mit der Zeit ihren Schrecken, wohingegen sich der Mensch ebenso schnell an positive Umstände gewöhnt. Auf die Börse übertragen heißt dies, dass eine Katastrophe, wie beispielsweise der Tsunami und das Atomunglück im Frühjahr 2011 in Japan, zwar kurzfristig zu starken Stressreaktionen der Börsianer führen – die Nachfrage nach Absicherungsprodukten explodiert und mit dieser die impliziten Volatilitäten –, aber relativ schnell eine Beruhigung der Marktakteure eintritt, obwohl vielleicht das Ereignis selbst oder seine Folgen noch nicht vorüber sind. Genauso verhält es sich mit positiven Ereignissen, beispielsweise einer andauernden Aufwärtsbewegung an den Börsen, welche relativ schnell als Normalität angesehen wird, die Nachfrage nach Absicherungsprodukten stark rückläufig gestaltet und die entsprechenden Volatilitäten fallen lässt.
Aufgrund dieser Überlegungen ließe sich nun die Schlussfolgerung ziehen, dass man immer beim Erkennen solcher Über- bzw. Untertreibungen einfach den VIX oder auf dem VIX basierende Produkte kauft bzw. auf eine entsprechende Gegenreaktion setzt. Bei der hier vorgestellten Strategie kommt dieser Grundgedanke auch zum Tragen, wobei jedoch lediglich der Zustand des Überkauftseins berücksichtigt wird. Dies heißt, ein Handelssignal wird nur dann generiert, wenn der VIX überkauft ist. Steigt dagegen der VIX zu stark an, wird keine entsprechende Gegenposition eingenommen. Warum, wird sich jetzt sicherlich der eine oder andere Leser fragen. Die Antwort darauf ist, dass die Risiken bei einem Anstieg des VIX wesentlich schwerer zu kalkulieren sind als bei einem Rückgang.
Der Blick auf den längerfristigen Chart des VIX zeigt, dass es in der Vergangenheit deutliche Anstiege des VIX gab, welche letztendlich immer wieder korrigiert wurden. Die Höhe der Anstiege ist allerdings sehr verschieden. Während in den letzten Jahren die Anstiege jeweils im Bereich um 50 endeten, stieg der VIX im Zuge des Lehman-Brothers-Kollaps im Jahr 2008 bis auf knapp 90 Punkte an. Historische Rückrechnungen des VIX zeigen, dass im Herbst-Crash des Jahres 1987 der VIX auf ca. 200 Punkte angestiegen wäre.

Man könnte also sagen, dass beim VIX nach oben hin der Spruch „Only the sky is the limit“ gilt. Einen extremen Anstieg des VIX bei einem als schwarzen Schwan bezeichneten Ereignis könnte man kaum mit einem „short call“ oder einer sonstigen Short-Position im VIX unbeschadet überstehen.
Nach unten hin sank der VIX dagegen noch nie unter den Bereich von 9 ab, und selbst wenn dies passieren würde, stellte die 0 eine nicht zu unterschreitende Grenze dar. Ein starker Rückgang des VIX, auch in kurzer Zeit, kann zwar nicht ausgeschlossen werden, aber dass keinerlei Volatilitäten mehr im Markt vorhanden wären, ist natürlich ebenso ausgeschlossen. Außerdem kommt uns hier die Tatsache zugute, dass der Markt Sorglosigkeit – tiefe VIX-Stände – wesentlich schneller bestraft als Angst. Nach oben hat der VIX immer Platz, auf der Unterseite wird er sich immer auf einem bestimmten Niveau einpendeln.
Um von diesen Überlegungen nun zu einer Grundstrategie zu kommen, müssen wir als erstes einen Gradmesser für das Überkauftheitsein des VIX finden. Eine Möglichkeit wäre die Nutzung von Bollinger-Bändern, welche beispielsweise ein Anlaufen des VIX an die zweifache Standardabweichung vom Mittelwert anzeigen.

Tritt dies ein, könnte ein Händler kurzlaufende Put-Optionen auf den VIX verkaufen. Die Optionen, welche nicht direkt auf den VIX, sondern die VIX-Futures berechnet werden (siehe Teil 1), bringen dem Händler eine Prämiengutschrift, welche auf dem Handelskonto gutgeschrieben wird. Über den Zeitwertverfall und den zu erwartenden Rücklauf des VIX an seinen Mittelwert würde sich der Wert der Put-Optionen verringern, so dass der Händler in der Lage wäre, die Optionen entweder zu einem geringeren Wert zurückzukaufen oder gar komplett wertlos verfallen zu lassen.
Was hier auf den ersten Blick einfach klingt, erfordert natürlich in der Praxis weitere Überlegungen und Schritte. So muss der Händler wählen, ob er die Put-Optionen „naked“, also ohne Absicherung, verkauft oder ob er dies lieber als abgesicherte Strategie zum Beispiel in Form eines Bull-Put-Spreads tut. Gleichzeitig muss er Überlegungen anstellen, welche Optionen er konkret verkaufen will. In Frage kommen hier sowohl Optionen mit Strikes direkt am Geld (atm), aber auch aus dem Geld notierende Optionen (otm). Und natürlich spielt auch die Restlaufzeit der Optionen eine wichtige Rolle beim Auswahlverfahren.
Der Autor bevorzugt abgesicherte Strategien mit otm-Optionen und Restlaufzeiten von 30 bis 60 Tagen, wobei eine Mindesthöhe der Prämieneinnahme gegeben sein muss.
Wichtigste Regel beim Verkauf von Optionen ist aber immer das strikte Einhalten von Moneymanagement- und Risikomanagement-Regeln sowie die Formulierung von Adjustierungs- oder Nachfolgestrategien.
Fazit: Der Verkauf von Put-Optionen bei einem Überkauftsein des Volatilitätsindex VIX stellt eine einfache und plausible Grundstrategie dar, die Händler nutzen können, um erste Schritte beim Handel von auf dem VIX basierenden Produkten zu gehen. Die vorgestellte Grundidee kann natürlich mit weiteren Überlegungen und Strategien kombiniert werden, wie etwa der Auswertung der Terminstrukturkurve des VIX und dem zusätzlichen Kaufen von Call-Optionen oder VIX-Futures, wenn ein Rücklauf des VIX von einem Überkauftsein über den Mittelwert hinaus zu erwarten ist. Im letzten Teil dieser Serie werden wir eine weitere Strategie besprechen, mit deren Hilfe man die Kombination aus dem Verhalten der Terminstrukturkurve der VIX-Futures und einem vorhandenen Überkauftsein des VIX nutzen kann.
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