08.06.2012 11:10
Rohstoff: Erdgas
Erdgas: Nachhaltige Trendwende nach oben gesehen?
Und die ersten Experten gehen bereits von einer nachhaltigen Trendwende nach oben bei dem flüchtigen Energieträger aus. Wir hingegen haben an einem derartigen Szenario erhebliche Zweifel.
US-Lagertanks prall gefüllt
Immerhin steigen die amerikanischen Erdgas-Lagerbestände bereits seit Monaten unaufhörlich. In der vorletzten Woche wurde ein Zuwachs von 77 Milliarden Kubikfuß gemeldet. Damit lag das Plus zwar im Rahmen der Erwartungen, die sich zwischen 75 und 79 Milliarden Kubikfuß bewegten. Das eigentliche Problem sind aber die viel zu hohen Gesamtvorräte. Unterm Strich liegen die Lagerbestände an Erdgas in den Vereinigten Staaten zur Stunde 753 Milliarden Kubikfuß über dem fünfjährigen Durchschnittswert von 1.991 Milliarden Kubikfuß (38 Prozent). Von der Angebotsseite her betrachtet ist die Markt für Erdgas bestens – um nicht zu sagen – signifikant überversorgt.
Shale Gas sorgt für weiter steigende Produktionsmenge
Und für diese Entwicklung gibt es durchaus gute Gründe. Zwar lohnt sich die Förderung so genannter konventioneller Vorkommen bei den momentan sehr niedrigen Preisen in New York nur noch bei ausgewählten Lagerstätten. Dafür hat die Erdgas-Gewinnung aus nichtkonventionellen Vorkommen stark zugenommen. Eines der Zauberwörter in diesem Zusammenhang lautet Shale Gas. Dabei erfolgt die Erschließung primär über Horizontal-Bohrungen, die deutlich günstiger sind als die Förderung aus großen Tiefen. Erschwerend kommt hinzu, dass die sich Gesamtmenge an nichtkonventionellen Gas-Vorkommen nicht genau beziffern lässt. Sicher ist allerdings, dass sie die Vorkommen an konventionellem Erdgas um ein Vielfaches übertreffen. Vor diesem Hintergrund ist mit einer nennenswerten Entlastung auf der Angebotseite vorerst nicht zu rechnen.
Energie-Gewinnung aus Gas dürfte längerfristig zunehmen
Dafür dürfte – zumindest in einem längeren Zeitfenster gesehen – der Erdgas-Verbrauch nicht unerheblich steigen. Die Energie-Gewinnung aus Erdgas ist mittlerweile so deutlich preiswerter als bei anderen fossilen Energieträgern (mit Ausnahme von Kohle vielleicht), dass in den nächsten Jahren zahlreiche Kraftwerke verstärkt auf den flüchtigen Energieträger zurückgreifen werden. Erste diesbezügliche Anzeichen gibt es bereits seit einiger Zeit. Bis dieser Trend aber zu einer echten Entlastung der massiven Überversorgung führt, dürften noch einige Jährchen ins Land gehen. Unter Angebot/Nachfrage-Aspekten drängen sich Long-Engagements in Erdgas gegenwärtig daher nicht sonderlich aus.
Saisonalität und CoT-Daten bärisch
Dies gilt umso mehr als die Saisonalität kurz- bis mittelfristig ganz unverkennbar bärisch ist. Der zuletzt gesehene Anstieg ist im Mai typisch und in der Regel wird das Mai-Hoch Mitte Juni nochmals in Angriff genommen, bevor die Notierungen bis Ende Juli wieder den Rückwärtsgang einlegen. Unter dem Gesichtspunkt des jahreszeitlichen Kursverlaufs muss sogar damit gerechnet werden, dass die bisherigen 2012er-Tiefs vorübergehend sogar unterschritten werden.
Wenig Hoffnung für Erdgas-Bullen offerieren aktuell zudem die CoT-Daten. Zwar haben die kommerziellen Marktteilnehmer im Zuge des jüngsten Preisanstiegs ihre Netto-Long-Positionen leicht abgebaut. Alles in allem sind die für gewöhnlich erstklassig informierten Hedger aber immer noch mit rund 75.000 Kontrakten auf der langen Seite engagiert. Übersetzt heißt dies: Diese Gruppe von Marktteilnehmern erachtet die momentanen Erdgas-Notierungen für lukrativ genug, um sich dieses Preisniveau für die Zukunft zu sichern. Oder anderes ausgedrückt: Früher oder später rechnen die Commercials eher mit fallenden als mit weiter steigenden Erdgas-Kursen.
Charttechnisch unentschlossen
Etwas unentschlossen präsentiert sich Erdgas aus charttechnischer Sicht. Im Bereich um zwei US-Dollar könnte sich eine tragfähige Unterstützung herausgebildet haben. Von dieser ausgehend ging es zuletzt kräftig nach oben. Im Zuge dieser Bewegung wurde die 38-Tage-Linie klar nach oben durchbrochen, was dafür spricht, dass der Up-Move noch nicht vollständig der Vergangenheit angehört, auch wenn der flüchtige Energieträger erkennbar unter seiner 200-Tage-Linie notiert. Wegen des erwähnten Kursanstiegs generieren zur Stunde sowohl der MACD als auch die Stochastik (noch) Kaufsignale, wobei diese Indikatoren aber auch bereits im Begriff sind, wieder in die Gegenrichtung zu drehen. Ähnlich sieht es in Sachen Momentum und RSI aus, die sich ebenfalls noch im bullischen Terrain befinden, aber schon jetzt auf eine überkaufte Situation hindeuten. Auch wenn eine rein charttechnische Betrachtung zu der Annahme verleiten könnte, dass es noch ein Stückchen aufwärts gehen, gehen wir davon aus, dass sich schlussendlich die intakten Abwärtstrends durchsetzen werden und der Markt im Bereich seiner Widerstandszone zwischen 2,70 und 2,80 US-Dollar abermals nach unten abdreht.

Fazit:
Für eine spekulative Long-Position erscheint es mittlerweile etwas zu spät, da davon ausgegangen werden muss, dass die bärischen fundamentalen Rahmenbedingungen von den Marktakteuren demnächst wieder verstärkt zur Kenntnis genommen werden. Wir können uns daher einen nochmaligen Rückfall bis 2,50 oder gar 2,00 US-Dollar ohne Schwierigkeiten vorstellen. Ob man sein Glück angesichts des absolut doch sehr niedrigen Preisniveaus allerdings mit Engagements auf der kurzen Seite probieren sollte, muss jeder Anleger selbst wissen. Optimal ist das Chance/Risiko-Verhältnis bei einem solchen Trade sicherlich nicht.
Dieser Artikel ist erschienen im Derivate pdf-Magazin. | 30.Mai 2012
US-Lagertanks prall gefüllt
Immerhin steigen die amerikanischen Erdgas-Lagerbestände bereits seit Monaten unaufhörlich. In der vorletzten Woche wurde ein Zuwachs von 77 Milliarden Kubikfuß gemeldet. Damit lag das Plus zwar im Rahmen der Erwartungen, die sich zwischen 75 und 79 Milliarden Kubikfuß bewegten. Das eigentliche Problem sind aber die viel zu hohen Gesamtvorräte. Unterm Strich liegen die Lagerbestände an Erdgas in den Vereinigten Staaten zur Stunde 753 Milliarden Kubikfuß über dem fünfjährigen Durchschnittswert von 1.991 Milliarden Kubikfuß (38 Prozent). Von der Angebotsseite her betrachtet ist die Markt für Erdgas bestens – um nicht zu sagen – signifikant überversorgt.
Shale Gas sorgt für weiter steigende Produktionsmenge
Und für diese Entwicklung gibt es durchaus gute Gründe. Zwar lohnt sich die Förderung so genannter konventioneller Vorkommen bei den momentan sehr niedrigen Preisen in New York nur noch bei ausgewählten Lagerstätten. Dafür hat die Erdgas-Gewinnung aus nichtkonventionellen Vorkommen stark zugenommen. Eines der Zauberwörter in diesem Zusammenhang lautet Shale Gas. Dabei erfolgt die Erschließung primär über Horizontal-Bohrungen, die deutlich günstiger sind als die Förderung aus großen Tiefen. Erschwerend kommt hinzu, dass die sich Gesamtmenge an nichtkonventionellen Gas-Vorkommen nicht genau beziffern lässt. Sicher ist allerdings, dass sie die Vorkommen an konventionellem Erdgas um ein Vielfaches übertreffen. Vor diesem Hintergrund ist mit einer nennenswerten Entlastung auf der Angebotseite vorerst nicht zu rechnen.
Energie-Gewinnung aus Gas dürfte längerfristig zunehmen
Dafür dürfte – zumindest in einem längeren Zeitfenster gesehen – der Erdgas-Verbrauch nicht unerheblich steigen. Die Energie-Gewinnung aus Erdgas ist mittlerweile so deutlich preiswerter als bei anderen fossilen Energieträgern (mit Ausnahme von Kohle vielleicht), dass in den nächsten Jahren zahlreiche Kraftwerke verstärkt auf den flüchtigen Energieträger zurückgreifen werden. Erste diesbezügliche Anzeichen gibt es bereits seit einiger Zeit. Bis dieser Trend aber zu einer echten Entlastung der massiven Überversorgung führt, dürften noch einige Jährchen ins Land gehen. Unter Angebot/Nachfrage-Aspekten drängen sich Long-Engagements in Erdgas gegenwärtig daher nicht sonderlich aus.
Saisonalität und CoT-Daten bärisch
Dies gilt umso mehr als die Saisonalität kurz- bis mittelfristig ganz unverkennbar bärisch ist. Der zuletzt gesehene Anstieg ist im Mai typisch und in der Regel wird das Mai-Hoch Mitte Juni nochmals in Angriff genommen, bevor die Notierungen bis Ende Juli wieder den Rückwärtsgang einlegen. Unter dem Gesichtspunkt des jahreszeitlichen Kursverlaufs muss sogar damit gerechnet werden, dass die bisherigen 2012er-Tiefs vorübergehend sogar unterschritten werden.
Wenig Hoffnung für Erdgas-Bullen offerieren aktuell zudem die CoT-Daten. Zwar haben die kommerziellen Marktteilnehmer im Zuge des jüngsten Preisanstiegs ihre Netto-Long-Positionen leicht abgebaut. Alles in allem sind die für gewöhnlich erstklassig informierten Hedger aber immer noch mit rund 75.000 Kontrakten auf der langen Seite engagiert. Übersetzt heißt dies: Diese Gruppe von Marktteilnehmern erachtet die momentanen Erdgas-Notierungen für lukrativ genug, um sich dieses Preisniveau für die Zukunft zu sichern. Oder anderes ausgedrückt: Früher oder später rechnen die Commercials eher mit fallenden als mit weiter steigenden Erdgas-Kursen.
Charttechnisch unentschlossen
Etwas unentschlossen präsentiert sich Erdgas aus charttechnischer Sicht. Im Bereich um zwei US-Dollar könnte sich eine tragfähige Unterstützung herausgebildet haben. Von dieser ausgehend ging es zuletzt kräftig nach oben. Im Zuge dieser Bewegung wurde die 38-Tage-Linie klar nach oben durchbrochen, was dafür spricht, dass der Up-Move noch nicht vollständig der Vergangenheit angehört, auch wenn der flüchtige Energieträger erkennbar unter seiner 200-Tage-Linie notiert. Wegen des erwähnten Kursanstiegs generieren zur Stunde sowohl der MACD als auch die Stochastik (noch) Kaufsignale, wobei diese Indikatoren aber auch bereits im Begriff sind, wieder in die Gegenrichtung zu drehen. Ähnlich sieht es in Sachen Momentum und RSI aus, die sich ebenfalls noch im bullischen Terrain befinden, aber schon jetzt auf eine überkaufte Situation hindeuten. Auch wenn eine rein charttechnische Betrachtung zu der Annahme verleiten könnte, dass es noch ein Stückchen aufwärts gehen, gehen wir davon aus, dass sich schlussendlich die intakten Abwärtstrends durchsetzen werden und der Markt im Bereich seiner Widerstandszone zwischen 2,70 und 2,80 US-Dollar abermals nach unten abdreht.

Fazit:
Für eine spekulative Long-Position erscheint es mittlerweile etwas zu spät, da davon ausgegangen werden muss, dass die bärischen fundamentalen Rahmenbedingungen von den Marktakteuren demnächst wieder verstärkt zur Kenntnis genommen werden. Wir können uns daher einen nochmaligen Rückfall bis 2,50 oder gar 2,00 US-Dollar ohne Schwierigkeiten vorstellen. Ob man sein Glück angesichts des absolut doch sehr niedrigen Preisniveaus allerdings mit Engagements auf der kurzen Seite probieren sollte, muss jeder Anleger selbst wissen. Optimal ist das Chance/Risiko-Verhältnis bei einem solchen Trade sicherlich nicht.
Dieser Artikel ist erschienen im Derivate pdf-Magazin. | 30.Mai 2012
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