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Branchen-Treff – Deutsche Derivate Tag 2016

Ziemlich exakt acht Jahre nach der Insolvenz von Lehman Brothers fand der Deutsche Derivate Tag 2016 unter bemerkenswerten Vorzeichen statt. Natürlich war das über der Branche schwebende Damoklesschwert des Produktverbots von Bonitätsanleihen ein Thema. Es wurde aber auch ein sehr spannender Bogen in die Zukunft der Finanzbranche geschlagen. Es ging dabei um Trends und den langen Weg vom heutigen Zahlungsmittel bis hin zum sogenannten Kryptogeld in ferner Zukunft.

Der traditionell im Herbst stattfindende Deutsche Derivate Tag war einmal mehr ein Stelldichein von Emittenten, Politikern und Journalisten aus Deutschland und Europa. Zum Kongress kamen auch in diesem Jahr mehr als 250 Besucher, um Vorträge renommierter Experten zu hören und um gemeinsam über aktuelle politische Themen und neue Entwicklungen in der Finanz- und Zertifikatebranche zu diskutieren.

Vertriebsverbot von Bonitätsanleihen
Aber der Reihe nach: Beginnen wir zunächst mit dem geplanten Verbot von Bonitätsanleihen durch die Finanzaufsicht Bafin. Hartmut Knüppel, geschäftsführender Vorstand des DDV, machte in seiner Positionsbestimmung für die deutsche Zertifikatebranche deutlich, dass ein Vertriebsverbot für Bonitätsanleihen unbegründet und ungerechtfertigt ist: Diese etablierten Produkte drohten unter die Räder zu kommen, weil sie zum politischen Sündenbock gemacht würden, um sie dann öffentlichkeitswirksam zu opfern, so Knüppel. Seiner Ansicht nach ist die Branche aber im Allgemeinen auf einem guten Weg und hat nicht zuletzt in ihrer vergleichsweise kurzen Historie einige Meilensteine erreicht, die den Anlegern bei ihrer Suche nach einträglichen Investmentlösungen helfen. Auch in Sachen Orientierungsmaßstäbe brauche sich die Branche nicht hinter den Wettbewerbern zu verstecken. In diesem Kontext sei an die zahlreichen Standards erinnert, die der Verband und seine Mitglieder gesetzt haben, um Produkttransparenz und Anlegerschutz zu verbessern. Nicht nur hinsichtlich der Kostentransparenz in der Finanzbranche sei man Vorreiter, so Knüppel. Allerdings befände sich die Zertifikate-Branche derzeit durchaus in stürmischer See.
Chancengerechtigkeit im Sozialstaat

Die Frage nach Orientierung im politischen Umfeld und den damit verknüpften Herausforderungen beschäftigte auch den Hauptredner der Veranstaltung, Wolfgang Clement. Als profunder Kenner der politischen Szenerie ging der ehemalige Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit und heutige Kuratoriumsvorsitzender der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft der Frage nach, wie viel Sozialstaat wir uns in Deutschland künftig noch leisten können. Dabei vertrat er vehement die Position des gleichzeitigen Förderns und Forderns in einer freiheitlichen Gesellschaft. Ein weiteres Ausufern des Sozialstaats dürfe es nicht geben. So sei beispielsweise von Arbeitsuchenden zu erwarten, dass sie alles in ihrer Macht stehende versuchen, um so rasch wie möglich wieder in Arbeit zu kommen. Ferner sprach sich Clement für einen Verzicht auf die gesetzliche Befristung der Lebensarbeitszeit aus. Diese sei der stetig steigenden Lebenserwartung und den unterschiedlichen Erwerbsbiografien nicht zuträglich. Ältere Menschen benötigten das Gefühl des Gebrauchtwerdens und könnten einen Mehrwert in unserer leistungsbezogenen Gesellschaft bieten. Auf der anderen Seite stünden viele Heranwachsende, die quasi Leidtragende unseres Bildungssystems seien.

Das deutsche Bildungssystem sei angesichts der mannigfaltigen Herausforderungen absolut unzulänglich, folgerte Clement. Leider würden falsche Prioritäten gesetzt, infolgedessen sei man nicht mehr in der Lage, das Notwendige zu finanzieren und zu fördern. Es sei nicht zu vermitteln, dass Tausende junger Leute in Deutschland nicht einmal einen Schulabschluss erreichten. Um diesen eklatanten Bildungsmissstand zu beheben, bedürfe es nachhaltiger Bildungsreformen. Nur dann könne so etwas wie Chancengerechtigkeit hergestellt werden. Die Bürger schenkten dem Staat mehr Vertrauen als der Wirtschaft. Dabei gelte doch die Maxime, dass der Staat sich auf seine grundlegenden Aufgaben beschränken solle. Ein Weniger an Regulierung sei das wünschenswerte Motto der Zukunft.

Verbraucherschutz in der Diskussion

Die sich anschließende Podiumsdiskussion verdeutlichte jedoch, wie tief die Gräben bisweilen sein können. Es ging um die Frage, wo Zertifikate im Spannungsfeld des Verbraucherschutzes zu verorten sind. Christian Bock, Ständiger Vertreter der neu gegründeten Abteilung Verbraucherschutz bei der Bafin, räumte ein, dass das geplante Produktverbot durchaus ein Paradigmenwechsel sei.
Die Bafin rücke deshalb aber nicht von ihrem Bild des mündigen Verbrauchers ab. „Mündiger Verbraucher und Produktinterventionen widersprechen sich nicht“, sagte Bock. „Wo wir uns berufen fühlen einzuschreiten, tun wir dies.“ Seit vergangenem Jahr hat die Bafin die Möglichkeit, einzelne Produkte zu verbieten. Nach dem Skandal um die Genussscheine von Prokon hatte ihr die Bundesregierung dieses scharfe Schwert in die Hand gegeben.

Ende Juli wurde bekannt, dass es erstmals bei den Bonitätsanleihen zur Anwendung kommen soll. Mehr als sechs Milliarden Euro haben Privatanleger in diesen Produkten investiert. Den Statistiken und Umfragen zufolge sind sie mit den Produkten durchaus zufrieden. Beschwerden und Ausfälle gibt es jedenfalls keine. Dies musste auch Dorothea Mohn eingestehen, Leiterin des Team Finanzmarkt der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). Sie ist dennoch sehr zufrieden mit dem Vorgehen der Bafin. Den Verbraucherschutz gesetzlich zu verankern sei überfällig gewesen, und zu sehen, wie die Bafin damit umginge, sei ausgesprochen begrüßenswert. Frau Mohn würde indes nicht nur die Bonitätsanleihen verbieten wollen, sondern den Verkauf von Zertifikaten grundsätzlich auf Selbstentscheider beschränken.

„Zertifikate sind alle komplexe Produkte, die verlangen eine Markterwartung, und die hat die normale Bevölkerung nicht“, behauptete Mohn. Selbstentscheider dürften daher aus eigenem Antrieb weiter Zertifikate kaufen, aber eben nur die. Die Preise von Zertifikaten bildeten sich zudem nicht am Markt, sondern würden von den Banken festgelegt. „Es ist daher nicht sichergestellt, dass sie fair bepreist sind“, sagte Mohn.

Henning Bergmann, Leiter Kapitalmarktrecht des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), legte stellvertretend für die Finanzbranche seine Enttäuschung dar, dass die Bafin nicht erheblich differenzierter vorgehe. Es fehle die Verhältnismäßigkeit, es hätte wesentlich mildere Mittel gegeben, um eventuelle Missstände zu beheben. Selbst die europäische Aufsicht ESMA habe nie zu solch weitreichenden Mitteln gegriffen, allenfalls vor den hochspekulativen CFDs gewarnt. Bonitätsanleihen, deren Rückzahlung von der Solvenz der begebenden Bank und einem oder mehreren Referenzschuldnern, in der Regel Dax-Unternehmen, abhängt, seien nicht annähernd so komplex wie andere Finanzprodukte, als dass sie prinzipiell nicht zu verstehen und daher für alle Anleger zu verbieten seien. Die Bafin lade sich damit zudem viel Verantwortung auf.

Bock entgegnete, dass die Bafin letztlich im Interesse aller zu einer schnellstmöglichen Entscheidung kommen werde. Noch sei die Lage zu unübersichtlich, um einen konkreten Termin zu nennen. Alle Szenarien seien denkbar, auch ob es überhaupt zu einer Allgemeinverfügung kommen werde.

Kryptogeld gegen das Scheitern der Geldordnung

Nach einer ausgiebigen Verschnaufpause drehte sich der Nachmittag um den von Digitalisierung und Konsequenzen der Blockchain-Technologie geprägten gesellschaftlichen Wandel. Harry Gatterer, Trendforscher und Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, gab fundierte Einblicke in die neuen Dimensionen, Möglichkeiten aber auch etwaigen Gefahren einer zunehmend vernetzten Welt. Dabei sei es von Nöten, einen möglichst entspannten Umgang mit der heute schon hochgradigen Komplexität in allen Lebensbereichen zu haben. Diejenigen, die sich vehement dagegen sträubten, würden langfristig auf der Verliererseite stehen. Prof. Dr. Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute, legte in seinem Vortrag das Augenmerk auf die seiner Ansicht nach wachsende Bedeutung von Kryptogeld.
Die Geldordnung und damit auch der Euro, auf der unser gesamtes Wirtschaftssystem basiere, sei zum Scheitern verurteilt, so seine These. Folglich bräuchten wir ein neues System. Die eingeschlagene Politik der Zentralbanken schürte die Kreditexpansion, die letztlich den Weg zum Scheitern des bisherigen Geldsystems bahnen würde. Vor diesem Hintergrund sei die Etablierung von Bitcoin eine vielversprechende Alternative. Bitcoin, im Gegensatz zum Kreditgeld, fuße dabei auf seiner Reputation. Das bedeutet, sie existiert durch die Übereinkunft aller Beteiligten zu diesem System. Ob das Versagen des Kreditgeldsystems aber zwangsläufig und unmittelbar zu einer flächendeckenden Etablierung von Kryptogeld führt, ist derzeit noch ungewiss.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Am Ende des Derivate Tags blieb die Hoffnung der Branche, dass die Bafin von dem Verbot doch noch absieht und Bonitätsanleihen auch privaten Selbstentscheidern weiterhin offen stehen.

Laut Bundeswirtschaftsminister a.D. Wolfgang Clement ist ein Weniger an Regulierung das wünschenswerte Motto der Zukunft.

Bundeswirtschaftsminister a.D. Wolfgang Clement

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