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„Die Ukraine ist ein gewaltiger Markt“

„Die Ukraine ist ein gewaltiger Markt“
Wie bewerten Sie den aktuellen Stand der deutsch-ukrainischen Wirtschaftsbeziehungen?

Andrij Melnyk: Deutschland gehört zu den wichtigsten Wirtschaftspartnern der Ukraine. Mit einem Anteil von 11 % belegt die Bundesrepublik Platz 3 als Hauptlieferant (nach Russland und China) und Platz 8 als Hauptabnehmer (3,9 % ukrainischer Ausfuhren). Nach einem massiven Rückgang des BIP 2014/15, der einen schmerzhaften Einbruch auch im bilateralen Außenhandel verursacht hatte, konnten unsere Handelsbeziehungen bereits 2016 wieder stabilisiert werden. Heute kann man ohne Übertreibung über einen regelrechten Boom in den bilateralen Wirtschaftsbeziehungen sprechen. Der Warenaustausch stieg im letzten Jahr um fast 14 % auf 5,4 Milliarden Euro. Dieser Aufwärtstrend hat sich zwischen Januar und Juli 2017 weiter verstärkt. Im Rekordtempo konnte unser Handelsumsatz um 22 % gesteigert werden, die deutschen Exporte kletterten sogar um 26 %. Auch die ukrainischen Einfuhren in die Bundesrepublik stiegen um 14,5 %. Dieser Zuwachs ist vor allem auf die bereits durchgeführten Strukturreformen und das in Kraft getretene Assoziierungsabkommen zwischen der Ukraine und der EU zurückzuführen, das das vertiefte und umfassende Freihandelsabkommen beinhaltet. Auch als Investitionspartner spielt die Bundesrepublik eine Schlüsselrolle. Insgesamt haben deutsche Unternehmen über 5 Milliarden Euro in der Ukraine investiert.

An welcher Stelle sehen Sie bei den bilateralen Wirtschaftsbeziehungen die größten Entwicklungsmöglichkeiten?

Andrij Melnyk: Mann sollte nicht vergessen, dass die Ukraine als flächenmäßig größtes europäisches Land mit 45 Millionen Einwohnern einen gewaltigen Absatzmarkt gerade für die deutsche exportorientierte Wirtschaft darstellt. Dank eingeleiteten Strukturreformen konnte die Talsohle der Krise zügig durchschritten werden. Nach schwerer Rezession wurde die ukrainische Wirtschaft auf einen moderaten Wachstumskurs gebracht. So stieg 2016 das BIP um 2,3 % an. Die gleichen Wachstumsraten werden 2017 und 2018 erwartet.

Dieser beachtliche Aufschwung bietet unseren deutschen Partnern riesige Chancen für neue Geschäfte. Der Geheimtipp heißt Zulieferbranche. Nur wenige wissen, dass ukrainische Zulieferbetriebe aus der Automobilindustrie Deutschlands kaum mehr wegzudenken sind. Es gibt heute kaum ein in der Bundesrepublik hergestelltes Fahrzeug ohne KfZ-Teile „Made in Ukraine“! Es sind vorwiegend Kabelnetze, Lenkrad- und Sitzheizungen, Audiosysteme, Ledersitze und vieles mehr. In den vergangenen Jahren haben deutsche Unternehmer über 30.000 Arbeitsplätze, vorwiegend in der Westukraine, geschaffen. Gerade vor einigen Wochen hat die Leoni AG aus Nürnberg ihre zweite Fabrik eröffnet. Die Gründe für diese erstaunliche Entwicklung liegen auf der Hand: günstige und qualifizierte Arbeitsplätze (Durchschnittslohn 1,50–2,00 Euro pro Stunde), geografische Nähe als direktes EU-Nachbarland (2 Tage Lieferzeit), volle Harmonisierung der EU-Standards. Kein Wunder also, dass unsere Exportstruktur sich in den letzten fünf Jahren komplett verändert hat. Während noch im Jahr 2012 fast 30 % der ukrainischen Ausfuhren in die Bundesrepublik auf metallurgische Erzeugnisse entfiel (vor allem Rohstahl), bestand 2016 der größte Anteil unserer Exporte nach Deutschland – nämlich ein Viertel – aus Zulieferwaren!

Welche Branchen in der Ukraine bieten für Investoren die besten Möglichkeiten?

Andrij Melnyk: Die Antwort ist naheliegend: auch in absehbarer Zukunft wird die Zulieferbranche für deutsche Investoren besonders attraktiv bleiben. Überdies sollte man die Landwirtschaft und Ernährungsindustrie ins Auge fassen (18,5 % Anteil an ukrainischen Exporten in die BRD). Das ist übrigens die einzige robuste Branche, die sogar mitten in der Krise 2014/15 solides Wachstum verzeichnete. Als Kornkammer der Welt ist die Ukraine der weltweit größte Exporteur von Sonnenblumenöl (32 % des Weltmarktes), Nr. 4 für Gerste (8,5 %) und Mais (8,4 %), Nr. 6 für Weizen (7,2 %), der weltweit drittgrößte Produzent von Honig. Besonders vielversprechend scheint die Biobranche mit über 420 000 Hektar zertifizierten Öko-Anbauflächen, Tendenz rasant steigend. Sehr gute Möglichkeiten bietet den deutschen Unternehmen auch die florierende Textilindustrie (9,2 % Anteil an den Ausfuhren). Außerdem entwickelt sich die Ukraine zu einem leistungsstarken Player im Bereich der IT und Digitalwirtschaft mit über 90.000 IT-Fachkräften (Platz 4 weltweit nach den USA, Indien und Russland), vor allem als führender Standort für Softwareentwicklung. Wir sind schon heute der weltweit viertgrößte Exporteur von IT-Produkten und Dienstleistungen. Laut jüngsten Umfragen der in der Ukraine tätigen deutschen Firmen bewertet die überwiegende Mehrheit die Marktkonjunktur als positiv. 56 % schätzen die wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut ein. Dabei erwarten fast zwei Drittel 2017 ein deutliches Umsatzplus. 68 % der deutschen Betriebe planen weitere Investitionen in der Ukraine.

An welche Institutionen können sich ausländische Investoren in der Ukraine wenden?

Andrij Melnyk: Die ukrainische Regierung ist bestrebt, ausländischen Investoren verstärkt unter die Arme zu greifen und sie maßgeblich zu begleiten. 2016 wurde eine zentrale Anlaufstelle beim Ministerkabinett der Ukraine – UkraineInvest (ukraineinvest.com) – gegründet. Sie bietet fachkundige Beratung und Unterstützung. Außerdem wurde 2016 aufgrund eines Regierungsabkommens die Deutsch-Ukrainische Industrie- und Handelskammer (ukraine.ahk.de) als offizielle Vertretung der deutschen Wirtschaft und wichtigster Ansprechpartner in Kiew etabliert.

Welche Hemmschwellen bremsen derzeit die Entwicklung der ukrainischen Wirtschaft?

Andrij Melnyk: Unter den Faktoren, die eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung zum Teil behindern, wären zu erwähnen: Krieg, Korruption, oligarchisches Erbe. Leider ist die Berichterstattung zu oft davon dominiert. Dies verwirrt eine objektive Wahrnehmung der Ukraine im Ausland erheblich. Denn viele wichtige Erfolge und Fortschritte beim umfangreichen Reformprozess, der nach der Maidan-Wende 2014 von der Regierung in Gang gesetzt wurde, werden auch in der deutschen Öffentlichkeit ausgeblendet oder nur unzureichend gewürdigt. Der bewaffnete Konflikt bleibt zwar ein Unsicherheitselement, er ist aber auf vergleichsweise kleine Landesteile an der östlichen Grenze beschränkt. Dank der Bundesregierung, die eine Schlüsselrolle als Vermittler spielt, sind wir zuversichtlich, dass dank dieser diplomatischen Bemühungen der stabile Frieden bald einkehrt. Die Korruptionsbekämpfung ist die wichtigste Herkulesaufgabe. Eine effektive Antikorruptionsbehörde mit über 200 jungen Ermittlern wurde geschaffen, über 300 Ermittlungsverfahren gegen Abgeordnete, hohe Beamten, Richter wurden eingeleitet. Eine in die Wege geleitete umfassende Justizreform, die eine komplette Erneuerung der Richterschaft vorsieht, soll das Vertrauen in die Gerichte in der Gesellschaft wieder erwecken. Außerdem wurde die elektronische Vermögens- und Einkommenserklärung für alle Politiker und Beamte eingeführt. Über 1 Million Personen haben e-declarations abgegeben. Die Offenheit dieses Verfahrens ist einmalig, in Deutschland wäre etwas Vergleichbares verfassungswidrig. Außerdem wurde ein elektronisches System ProZorro („durchsichtig“) für öffentliche Ausschreibungen eingeführt, das die Transparenz in diesem Bereich enorm gesteigert hat. Vehement betreibt man eine De-Oligarchisierung der Wirtschaft, indem man die Spielregeln komplett geändert hat, z. B. im Energiesektor, wo alle Intermediäre im Gashandel ausgeschaltet wurden. Mit anderen Worten: die Politik hat die Problemfelder erkannt und packt diese entschlossen an.

Wie entwickelt sich die Tourismuswirtschaft in der Ukraine?

Andrij Melnyk: Für viele Deutsche bleibt die Ukraine leider immer noch eine terra incognita auf der mentalen Karte Europas. Obwohl geografisch gesehen die Entfernung von Berlin bis zu meiner Heimatstadt Lwiw oder Lemberg (UNESCO- Weltkulturerbe seit 1999) kaum größer als nach Freiburg ist. Die Ukraine ist eine europäische Kulturnation, die aus dem globalen Kulturraum jahrhundertelang künstlich ausgeschlossen wurde. Nun gilt es, diese immer noch existente unsichtbare Mauer zu überwinden. Als Reisedestinationen wären zu empfehlen vor allem die UNESCO-Stätten: also außer Lemberg, das auch als musikalische und kulinarische Metropole von Millionen Touristen geschätzt wird, auch die Hauptstadt Kiew sowie Tscherniwzi (Czernowitz), ein wahres literarisches Mekka für alle Fans von Rosa Ausländer oder Paul Celan. Auch die Naturliebhaber kommen in der Ukraine auf ihre Kosten: von den malerischen Karpaten bis zur Schwarzmeerküste mit der Kulturperle Odessa. Wir hoffen, dass dank Billig-Airlines reiselustige Deutschen auch die Ukraine endlich entdecken werden.

Andrij Melnyk ist seit Dezember 2014 Botschafter der Ukraine in Deutschland. Zuvor war der Jurist einige Monate stellvertretender Minister. Zwischen 2007 und 2012 diente Melnyk seinem Land als Generalkonsul in Hamburg.

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