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Den Interessen der Anleger verpflichtet

Fotos: fullimage.photo

Ein turbulentes Kapitalmarktjahr liegt hinter uns. Der Börsencrash in China, die Entscheidung der Briten für einen Austritt aus der EU und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten sind nur einige Schlaglichter. Alles in allem war in den Märkten viel Bewegung und vergleichsweise wenig Stabilität. Die Geschäftsführer des Deutschen Derivate Verbands, Lars Brandau und Christian Vollmuth, standen uns Rede und Antwort auf die wesentlichen Fragen, wie sich Zertifikateanleger in diesem Marktumfeld positionieren können und welchen Einfluss die Regulatorik auf die Branche ausübt.

Herr Brandau, das zurückliegende Jahr hat an den Nerven vieler Anleger gezerrt. Der deutsche Aktienmarkt hat erst in den letzten Handelswochen 2016 an Fahrt aufgenommen. Gleichzeitig verharren die Zinsen im Euroraum im Keller. Welches Fazit ziehen Sie für 2016?
Lars Brandau: In der Tat war das abgelaufene Jahr aus Anlegersicht durchaus turbulent. Es verlangte den Investoren einiges ab. Zweifellos konnte man in puncto Anlagestrategie und Investment einiges falsch machen. Die andauernde Niedrigzinsphase hat mittel- bis langfristig durchaus gravierende Folgen. Erst langsam scheinen sich die Menschen dessen bewusst zu werden. Denn letztlich können nur diejenigen, die zeit- nah umdenken und auch handeln, Renditen oberhalb der Inflationsrate erzielen. Diese sind gleichsam für den Vermögensaufbau sowie -erhalt unabdingbar. Überlagert wurde das Kapitalmarktjahr 2016 von politischen Ereignissen (Stichworte: Brexit-Votum, US-Wahl und Italien-Referendum), die teilweise Schocks an den Leitbörsen hervorriefen. Angesichts dieser Gemengelage kann die Bandbreite an strukturierten Wertpapieren durchaus sehr nützlich für Investoren sein. Das hängt damit zusammen, dass es Anlagelösungen für jede denkbare Marktlage gibt. Im Übrigen geht knapp die Hälfte der Emittenten in Deutschland davon aus, dass sich die Geschäfte im ersten Halbjahr besser entwickeln werden. Insofern stimmt die gegenwärtige Situation eher zuversichtlich.
Herr Vollmuth, abseits des Marktgeschehens sind die regulatorischen Bemühungen in einem steten Wandel begriffen. Man gewinnt den Eindruck, dass die vielschichtige Regulierungsthematik Emittenten und Anleger gleichsam umtreibt. Wie ist Ihre Sicht der Dinge?
Christian Vollmuth: Wir haben bereits seit einigen Jahren mit vielfältigsten Regulierungsinitiativen zu tun. Um nur zwei Beispiele zu nennen, die ab 2018 in Deutschland Anwendung finden werden: Die PRIIPs-Verordnung, welche künftig ein europäisches Kurzinformationsblatt (KID) einführen wird, sowie die überarbeitete Finanzmarktrichtlinie beziehungsweise -verordnung MiFID II/MiFIR. Beide Regulierungen setzen auf noch mehr Pflichten für die Emittenten und Vertriebsbanken von Finanzprodukten – vom sehr detaillierten PRIIPs-KID angefangen über eine präzise Zielmarktbestimmung bis hin zu einem umfassenden Kostenausweis für jedes einzelne Finanzprodukt. Von der Idee sind viele Sachen sicherlich sinnvoll, allerdings ist gut gemeint nicht immer gut gemacht. Beispielsweise begrüßen wir den ab 2018 geltenden umfassenden Kostenausweis für Finanzprodukte. Seit Mai 2014 weisen unsere DDV-Mitglieder ja bereits den Issuer Estimated Value (IEV) in den Produktinformationsblättern der Anlageprodukte aus. Gleichwohl ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar, ob die Vorgaben zum Kostenausweis in der PRIIPs-Verordnung und in der MiFID II auch wirklich identisch sein werden. Das ist aber zwingend notwendig, denn nur so bringen die Kostenangaben dem Anleger letztlich etwas.
Jüngst wurde der Starttermin der von Ihnen erwähnten PRIIPs-Verordnung auf den 1. Januar 2018 verschoben. Was muss denn noch bis dahin alles geklärt und implementiert werden?
Christian Vollmuth: Die neuen Regelungen sollten ja bereits ursprünglich zum Jahreswechsel 2016/2017 in Deutschland Anwendung finden, so dass sich die Industrie bereits in diesem Jahr intensiv mit der Umsetzung beschäftigt hat. Leider enthalten die bisher vorgelegten Detailregelungen der europäischen Aufsichtsbehörden (ESAs) aus unserer Sicht nach wie vor noch an der einen oder anderen Stelle handwerkliche Fehler. Insoweit sind wir froh, dass die EU-Kommission nun eingelenkt hat und der Industrie insbesondere auch mehr Zeit für die technische Implementierung bleibt. Darüber hinaus hatten wir in unserem Mitgliederkreis seit Anfang 2016 KID-Muster-Templates entwickelt und diese im Laufe des Jahres nach vielen Sitzungen für 23 Produkttypen fertiggestellt. Bereits im Mai 2016 haben wir ein erstes KID-Muster bei den ESA’s und der Kommission eingereicht – und bis heute warten wir auf Feedback, ob wir auf dem richtigen Weg sind.
Kommen wir noch einmal kurz auf Ihre DDV-Emittenten-Umfrage zurück. Was sind die Highlights bei den Produkten?
Lars Brandau: Die Verschiebungen in der Beliebtheit einzelner Produkttypen stechen schon hervor. Mittlerweile ist deutlich zu erkennen, dass Zertifikate mit 100 prozentigem Kapitalschutz bei den Anlegern weniger attraktiv sind und die Nachfrage entsprechend rückläufig ist. Die Abflüsse in diesen beiden Produkttypen wurden in den zurückliegenden Monaten durch die steigende Nachfrage nach Teilschutz-Produkten wettgemacht. Beim Blick auf das investierte Volumen der einzelnen Zertifikate-Kategorien fällt seit Monaten auf, dass insbesondere Express-Strukturen und Aktienanleihen neben dem Klassiker der Discount-Zertifikate prozentual die größten Zuwächse verbuchen. Die in Express-Strukturen investierten Gelder verzeichneten allein seit Jahresanfang 2016 einen Anstieg um mehr als 3,0 Milliarden Euro auf 9,4 Milliarden Euro mit Stand Ende Oktober. Insofern ist es auch nachvollziehbar, dass 40 Prozent der Emittenten bei den Express-Zertifikaten weiterhin die größten Zuwächse erwarten. Auch das gestiegene Marktvolumen bei Aktienanleihen ist bemerkenswert. Bei Aktienanleihen investieren Anleger mit einem Risikopuffer in einen Markt, nehmen dafür aber begrenzte Gewinnchancen in Kauf.
Ist diese positive Entwicklung bei den meisten Teilschutz-Zertifikaten vielleicht auch Indiz dafür, dass sich hierzulande peu a peu so etwas wie eine Wertpapierkultur entwickelt?
Lars Brandau: Das wäre erstrebenswert. Gleichwohl ist es ein langer und mühsamer Weg dorthin. Letztlich müssen wir auch feststellen, dass die Bundesbürger trotz der niedrigen Zinsen über mehr Geld als jemals zuvor verfügen. Die Deutschen sind ein Volk der Sparer. Soweit, so gut. Dennoch sollten Kleinanleger insbesondere im Zuge ihrer eigenen Altersvorsorge vermehrt ihren Blick auf alternative Finanzprodukte richten, zu denen Strukturierte Wertpapiere quasi als Türöffner zum Aktienmarkt zählen. Es bleibt zu hoffen, dass dieser zaghafte Trend nachhaltig ist.
Kurz vor der Jahreswende kündigte die BaFin an, das geplante Verbot von Bonitätsanleihen vorerst zurückzustellen. Was hat es in diesem Zusammenhang mit der Selbstverpflichtung der Industrie in Bezug auf bonitätsabhängige Schuldverschreibungen auf sich?
Christian Vollmuth: Der Deutsche Derivate Verband und die Deutsche Kreditwirtschaft haben gemeinsam Grundsätze aufgestellt, um die Anlegerschutzbedenken der BaFin auszuräumen. Die erstellten Grundsätze für die Emission von „bonitätsabhängigen Schuldverschreibungen“ zum Vertrieb an Privatkunden haben Wirkung gezeigt. Die BaFin hat am 16. Dezember verkündet, dass sie die angekündigten Produktinterventionsmaßnahmen vorläufig zurückstellen wird. Die Grundsätze sehen unter anderem vor, dass Referenzschuldner nach sorgfältiger Prüfung ausgewählt werden und bei Emission über hinreichende Bonität („Investment Grade“ oder vergleichbare Bewertung) verfügen müssen. Ferner dürfen bonitätsabhängige Schuldverschreibungen künftig nur mit einer Mindeststückelung von 10.000 Euro emittiert werden. Mit den vorgelegten Grundsätzen wurde ein einheitlicher Marktstandard geschaffen, der Produktproduzenten und Vertrieb gleichermaßen verpflichtet. Dieses Zusammenwirken von Emittenten und vertreibenden Kreditinstituten ist nach unserer Wahrnehmung in Europa einzigartig.

Aufgaben und Ziele des DDV

Der Deutsche Derivate Verband (DDV) ist die Branchenvertretung der 15 führenden Emittenten derivativer Wertpapiere in Deutschland, die mehr als 90 Prozent des deutschen Zertifikatemarkts repräsentieren. Darüber hinaus unterstützen weitere 16 Fördermitglieder die Arbeit des Branchenverbands. Seit seiner Gründung im Jahr 2008 erarbeitet der DDV verbindliche Standards für die Industrie. Zu den primären Zielen des DDV zählen auch die Bildung und Aufklärungsarbeit. Strukturierte Produkte werden einer breiteren Öffentlichkeit näher gebracht, unter anderem auf der Webseite des Verbands.

www.derivateverband.de

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