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„Flugangst 7a“ — Interview mit Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek (rechts im Bild) mit dem Derivate Magazin-Chefredakteur Marcus Kapust in Berlin.

Anlässlich der Veröffentlichung seines neuesten Werkes „Flugangst 7a“ nahm sich Sebastian Fitzek, Deutschlands erfolgreichster Autor von Psychothrillern, Zeit für ein Interview mit dem Derivate Magazin und stellte sich den Fragen von Chefredakteur Marcus Kapust.

Herr Fitzek, herzlichen Dank, dass Sie sich für uns Zeit nehmen. Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Wer ist Sebastian Fitzek?

Wenn ich mich positiv beschreiben müsste, würde ich sagen, ich bin kreativ, neugierig und jemand, der gerne reist. Und mit reisen meine ich nicht nur, dass ich gerne Länder erschließe, die mir bis dato unbekannt waren, sondern auch gerne neue Welten kennenlerne. Denn jedes Buch, das man liest, eröffnet einen Kosmos, in dem andere stellvertretend für einen selbst die Abenteuer erleben. Mit dem Lesen taucht man dann in diese Welt ein und fühlt mit. Entsprechend handeln Bücher wie Filme meist von Reisen – ob nun „Harry Potter“, „Herr der Ringe“, „Star Wars“ oder „Titanic“.
Ich selbst bin in meinem Leben schon in viele neue Welten aufgebrochen. Ich habe versucht, mir die Welt der Musik zu erschließen und bin so weit vorgestoßen, wie es meine Begabung zuließ. Mein Talent als Schlagzeuger war nicht so doll, aber ich wollte trotzdem Musiker werden. Übrigens ist der Traum vom Tennisprofi ebenfalls an meinem Talent – oder dessen Mangel – gescheitert. Tiermedizin habe ich drei Monate studiert, bis ich merkte, dass ich zwei linke Hände habe. Dann bin ich zu Jura gewechselt, habe das Erste Staatsexamen gemacht und in Urheberrecht promoviert. Gerade diese Welt hat mir tatsächlich sehr gut gefallen und ich wäre diesen Weg vermutlich auch weitergegangen, wäre ich nicht parallel Volontär beim Berliner Radiosender RTL 104,6 gewesen. Anfang der 90er konnte man in den privaten Medien noch relativ schnell Karriere machen. Und so bin ich beim Radio hängengeblieben, weil mich das Medium einfach fasziniert hat. Zum Schreiben kam ich eigentlich durch meine Neugier: Bei all den Reisen, zu denen ich aufbrach, lernte ich neue Dinge kennen und kehrte anschließend in meine gewohnte Welt zurück. Dann war ich entweder ein gescheiteter, erfolgreicher, geläuteter oder weiser Held.
Wenn ich mich negativ beschreiben müsste, dann so: Ich bin ein ungeduldiger Mensch, manchmal nervös und hyperaktiv. Wie viele Kreative kann ich schlecht „nein“ sagen, weil ich mich für so vieles interessiere. Das kann dazu führen, dass ich mich schnell verzettele.
Ich glaube, in jedem Menschen steckt eine Geschichte. In jedem steckt eine Fähigkeit, die vielleicht von anderen entdeckt wird, bevor man selbst es merkt. Ich möchte Menschen nicht nur nach ihren gegenwärtigen Fähigkeiten beurteilen, sondern auch ihre verborgenen Talente kennenlernen, die sie in meinen Augen interessant machen.
Das wiederum führt direkt zu Psychothrillern, denn verhaltensauffällige Menschen merken ziemlich schnell, dass man der Einzige ist, der sich für sie interessiert. Und dann hat man sie an der Backe, ob man will oder nicht (lacht). Also, wenn ich in der U-Bahn sitze und da kommt jemand und fängt an, seine Lebensgeschichte zu erzählen, kann es sein, dass ich der Einzige bin, der zuhört. Irgendwann bin ich dann auch der Einzige im Waggon. Dennoch: für mich ist es interessant.

Was ist ihr Lieblingsort?

Mein Lieblingsort ist eine Stelle am Sacrower See zwischen Berlin und Potsdam. Mit meinen Hunden war ich früher sehr oft dort. Ich mag diese Gegend im Landkreis Havelland, die Potsdamer Seenlandschaft, einfach gern.

Jeder Mensch hat Träume. Wovon träumen Sie?

Zurzeit habe ich ziemlich wirre Träume. Aber selbst Alpträume kann ich mit Distanz interessiert aufnehmen und verwerten. Allerdings träume ich nicht von meiner Arbeit oder den Figuren und Handlungen meiner Romane.
Im übertragenen Sinn – also als Lebenstraum – wäre mein Traum, ein Jahr lang um die Welt zu reisen und so viel wie möglich zu sehen. Denn obwohl ich so gerne verreise, bin ich insbesondere durch meine Kinder und ihre Ferienzeiten eingeschränkt. Selbst wenn ich könnte, wollte ich die Kinder nicht ein Jahr aus der Schule nehmen. Das würde ich ihnen nicht antun wollen. Nur weil der Papa mal die Welt sehen möchte, würde ich meinen Kindern nicht zumuten wollen, dass ihre Sozialkontakte abbrechen.
Also verschiebe ich mein Sabbatjahr – wie ich es schon mein ganzes Leben vor mir herschiebe. Früher war das Geld der Grund, dann das Studium, die Berufsmöglichkeiten, danach die Kinder. Wenn ich 65 bin, werde ich vermutlich irgendeinen anderen Grund haben, nicht auf die große Reise zu gehen.
Durch meine Lesereisen habe ich jedoch das Glück, viel Orte kennenzulernen. Aber beispielsweise Afrika ist noch ein komplett weißer Fleck auf meiner Reiselandkarte. Das möchte ich schon gerne ändern.

Wie bekommen Sie Familie und Arbeit unter einen Hut?

Mein Beruf als Schriftsteller hat wahnsinnige Vorteile. Da ich selbständig bin, kann ich mir meine Zeit frei einteilen. Wenn eines meiner Kinder krank ist, muss ich keinen Arbeitgeber anrufen oder beispielsweise eine Verspätung melden. Allerdings gibt es auch andere Termine, die drängen und nicht verschoben werden können. Deswegen muss ich zugeben, dass meine Frau zu Hause die Hauptlast schultert.
Das andere Problem ist aber, dass man gelegentlich zwar körperlich da ist, geistig aber nicht. Man kann nicht immer abstellen, was einen von der Arbeit noch bewegt. Ähnlich wie bei einem Film, den man im Kino gesehen hat. Wenn er gut war, kann es passieren, dass man sich noch Stunden danach mit ihm befasst. Genauso geht es mir in den Hochphasen des Schreibens. Hier kann ich nicht einfach mit dem Finger schnippen und mich von der Arbeit lösen, denn häufig stecke ich auch in meiner Freizeit noch in den Figuren meiner Werke drin. Sich davon zu lösen, kann schon mal zur Herausforderung werden.

Sie haben drei Kinder. Wovon handeln Ihre Gutenachtgeschichten?

Zurzeit freue ich mich, wenn ich meinen Kindern abends eine Gutenachtgeschichte erzählen darf. Meine Kinder – 4, 5 und 6 Jahre alt – wissen schon, dass sich ihr Papa Geschichten ausdenkt und so muss ich das auch für sie tun. Lesen können sie sie zum Glück noch nicht, und meine Romane sind auch nicht für Kinder gedacht. Was gruselige Geschichten sind, wissen sie aber schon.
Ich erzählte also einmal eine frei erfundene Geschichte über Pupsi und Stinki und hatte natürlich sofort die Lacher auf meiner Seite. Diese Geschichte entwickelte sich über eine längere Zeit und später entstand daraus ein Kinderbuch.
Mittlerweile werde ich von meinen Kindern jeden Abend geradezu gezwungen, die Geschichte zu erzählen – wenn auch immer verändert mit neuen Abenteuern. Da machen die drei dann auch mit und gestalten die Geschichte interaktiv mit mir gemeinsam immer wieder aufs Neue.
Bis auf ein Mal gingen die Geschichten auch immer gut aus. In Anlehnung an einen Stephen- King-Roman erzählte ich ihnen etwas Gruseliges, was dazu führte, dass sie nicht gut einschlafen konnten. Das war nicht meine beste Idee (lacht). Meiner Frau gefiel die Situation auch nicht. In dieser Nacht haben wir jedenfalls alle in einem Bett geschlafen.
Glücklicherweise erinnerte ich mich Tage danach an ein Youtube-Video von einem „Anti-Monster-Spray“. Das war ein ganz gewöhnliches Spray mit Lavendelduft. Das dekorierte ich dann mit Papier und malte ein durchgestrichenes Monster drauf. Dieses Spray hatte also ab sofort eine Wirkung auf Monster und vertrieb sie. Allerdings führte das auch dazu, dass die Bude ein paar Wochen lang nach Lavendel stank, weil die drei nur noch einschlafen konnten, wenn vorher das Anti-Monster-Spray zum Einsatz kam. Aber auch das haben wir hinter uns.

Was wollen Sie als Schriftsteller noch erreichen?

Ich habe mir nie die Frage gestellt, was ich als Schriftsteller überhaupt erreichen möchte. Übrigens habe ich mir in meinem ganzen Leben nie konkrete Ziele gesteckt. Es waren vielmehr abstrakte Ziele. Eine Zeitlang war mein Ziel, eines meiner Bücher an einem ungewöhnlichen Ort zu entdecken, zum Beispiel im Bücher-Drehregal im Supermarkt. Das war für mich ein Zeichen, dass das Interesse an diesem Buch so hoch ist, dass man es sogar im Supermarkt findet. Was ich allerdings nicht wusste: Das macht man vorwiegend mit neuen Autoren, weil die im Taschenbuchformat erscheinen und in Supermärkten in der Regel keine gebundenen Ausgaben ausliegen. Man könnte fast sagen, dass ich mein Lebensziel als Schriftsteller bereits mit meinem ersten Buch erreicht habe, das ich tatsächlich im Supermarkt gefunden habe. Andere Autoren finden das vielleicht ganz schrecklich und haben eher den Wunsch, dass ihre Bücher schön gebunden im Schaufenster einer Buchhandlung liegen. Bei mir war das jedenfalls anders.
Ich träume nicht davon, meinen Namen auf der Kinoleinwand zu lesen, obwohl das voraussichtlich nächstes Jahr geschehen wird. Der Psychothriller „Abgeschnitten“, den ich gemeinsam mit Michael Tsokos geschrieben habe, soll im Januar 2018 von Warner rausgebracht werden. Aber im Filmgeschäft weiß man ja nie. Immerhin – Moritz Bleibtreu spielt eine der Hauptrollen.
Gerne würde ich mehr in Kontakt mit ausländischen Lesern kommen. Auch wenn es durch die Sprachbarriere schwierig werden könnte – ich spreche ja nur Deutsch und Englisch –, hätte ich darauf große Lust. Beispielsweise mit meinen Soundtrack-Shows. Übrigens, zu einer meiner ersten Lesungen kamen ganze fünf Leute, drei davon waren in der Buchhandlung angestellt – obwohl bereits mein erstes Buch auf der Bestsellerliste stand. Woran lag es, dass das Interesse für eine Lesung so gering war? 2007/2008 dachte sich der typische Krimileser vermutlich, dass er den Krimi bereits kennt. Also warum sollte er sich die Lesung von Fitzek antun? Und wenn er den Krimi noch nicht kannte, hatte er vielleicht Angst, dass in der Lesung eventuell das Ende verraten wird. Rein theoretisch gibt es ja auch nichts Langweiligeres als jemandem dabei zu zuhören, wie er etwas vorliest. Es sei denn, er ist ein ausgebildeter Schauspieler oder Sprecher. Genauso bin ich auch an das Thema rangegangen und deswegen nie zu Lesungen gegangen. Also dachte ich mir, als ich zur Lesung in Rostock eingeladen wurde, ich müsste den Zuhörern etwas Besonderes bieten. Deswegen habe ich einen Beamer und eine PowerPoint-Präsentation angeschleppt und mehr über mich erzählt als über das Buch. Der Inhalt war also eher, wie man ein Autor wird und wo die Ideen herkommen. Nach der „Lesung“ kam die Buchhändlerin begeistert auf mich zu und lobte meine Idee; sie hätte so etwas noch nie erlebt, weil die anderen tatsächlich einfach nur vorlesen. Ich dachte mir daraufhin: Verdammt, das hätte ich einfacher haben können. Aber, erstens macht mir das reine Vorlesen selber keinen Spaß und zweitens waren da ja auch nur wenige Leute vor Ort, weil der Rest auch kein Interesse an einer reinen Lesung hat. Entsprechend hat es sehr lange gedauert, bis sich rumgesprochen hat, dass der Fitzek das anders macht und eben doch mehr geboten wird. Zur besagten Lesung in Rostock bin ich mit mehr Leuten angereist als dort im Publikum saßen. Wir hatten eine Stuntshow vorbereitet, um zu zeigen, wie das SEK im realen Leben eine Geiselnahme klären würde. Das war natürlich ein wenig übertrieben – vor fünf Leuten im Publikum. Letztlich hat sich das so gut rumgesprochen, dass ich kürzlich in Bochum vor 3.000 Leuten aufgetreten bin. Das ist aber dann auch keine Lesung mehr im eigentlichen Sinne.
Genau diese Entwicklung hat mehrere Jahre gedauert. Mich würde es nun also interessieren, ob man diese Faszination Buch in Verbindung mit Musik und in Verbindung einer multimedialen Präsentation auch in anderen Kulturkreisen erzeugen kann. Es wäre schön, das herauszufinden.

Sie haben in Ihrer Karriere als Schriftsteller bereits eine Vielzahl von Interviews gegeben. Welche Frage wurde Ihnen überraschenderweise noch nie gestellt?

Überraschenderweise wurde ich bisher kaum zu meiner Schulzeit gefragt. Ob ich ein guter oder schlechter Schüler war und wie mein Noten im Deutschunterricht ausfielen. Allerdings habe ich da auch nichts Spektakuläres zu vermelden. Außer, was Diktate anbelangt. Da hatte ich schon große Defizite, konnte das aber immer mit meinen Aufsätzen ausgleichen. Wenn ich die dann vor der Klasse vorlesen musste, wurde meine Note interessanter Weise immer nach oben korrigiert. So, als ob der eigentliche Sinn erst dann verstanden wurde, wenn ich es vorgelesen musste. Bei Vorlesewettbewerben hat es trotzdem nie zu Platz eins gereicht. Ich stand eigentlich immer zwischen den Noten zwei und drei in Deutsch. Insgesamt muss ich sagen, dass ich in allen Fächern, in denen man kreativ sein konnte, gut war. Komischerweise auch im Chemieunterricht, obwohl das eigentlich nicht so mein Ding gewesen ist. Trotzdem besuchte ich einen Chemie-Leistungskurs.
Wenig überraschend wurde ich noch nie etwas zu meinem Buch „Die unbekannte Nutzungsart (Berliner Hochschulschriften zum Gewerblichen Rechtsschutz und Urheberrecht)“ gefragt. Klingt ja auch eher nach einem langweiligen Thriller. (lacht)

Welche Frage würden Sie sich denn wünschen?

Wie fühlt es sich an, auf der Bestsellerliste der „New York Times“ zu stehen? (lacht) Leider kann ich das noch nicht beantworten. Dafür war ich bereits auf der polnischen, isländischen, französischen und der holländischen Bestsellerliste, aber auch hier nicht auf Platz eins.

Geben Sie uns bitte einen kurzen Einblick. Wie entsteht ein Fitzek-Roman?

Zum Glück entsteht jeder Roman anders. Aber über die letzten elf Jahre hinweg haben sich bei mir Rituale eingeschliffen. Glücklicherweise, denn sonst wäre ich meiner Sicherheit beraubt. Ein Buch entsteht aus dem luftleeren Raum und irgendwann kommt die Angst, dass man es vielleicht nicht fertigbekommt. Daher sind Ankerpunkte, an denen ich mich entlanghangeln kann, extrem wichtig.
Am Anfang steht die Inspiration – in der Regel kommt sie aus dem Alltag. Beispielsweise wenn der Postbote klingelt und mich bittet, etwas für einen Nachbarn anzunehmen. Ich kenne den Nachbarn jedoch gar nicht, obwohl ich schon seit 20 Jahren in der Straße wohne. Mit der „Was-wäre-wenn“-Frage wird dann der Denkprozess in Gang gesetzt. Dieses reale Alltagserlebnis hat mich zu der Geschichte „Das Paket“ inspiriert. Vielleicht steckt hier ja die gar nicht so nette Absicht dahinter, dass ausgerechnet mir dieses Paket zugestellt wurde für einen Nachbarn, den es entweder nicht gibt oder der neu und geheimnisvoll ist. Vielleicht will ich ja auch gar nicht, dass der dieses Paket abholen kommt. Und was ist überhaupt drin in diesem Paket? Lauter Fragen, die sich in meinem Kopf und vor meinem geistigen Auge auftürmen.
Diese Ideen notiere ich mir manchmal – meistens mit nur drei, vier Worten. Häufig reicht einem ja vollkommen aus, an sein Umfeld oder beispielsweise einfach an die Kollegen zu denken. Da stößt man vermutlich immer mal wieder auf verhaltensauffällige Personen. Irgendeinen gibt es immer, der einen Pfeil im Kopf hat. (lacht) Beschäftigt man sich mit einer solchen Person näher, kann dies zu einer Komödie oder auch zu einem Thriller inspirieren. Das heißt, die Idee ist schnell gefunden. Klopft diese Idee immer und immer wieder in meinem Kopf an, dann steckt da etwas dahinter. Vor allem aber etwas, dass mein Interesse wachhält. Am Ende suche ich mir die Ideen heraus, die mehr als ein Strohfeuer erzeugen. Denn mit dieser Idee werde ich mich zumeist über ein Jahr beschäftigen. Wussten Sie, dass die meisten Autoren gar nicht scheitern, sondern einfach aufhören? Sie fangen an zu schreiben, sind begeistert und hören nach vier, fünf Wochen auf, weil sie merken, dass es viel schönere Dinge im Leben gibt, als mit krummem Rücken vor dem Rechner zu hängen, den Bildschirm anzustarren und dann nicht zu wissen, ob den Text überhaupt jemanden interessiert. Dabei wird vielen klar, dass sich die Lebenszeit besser nutzen lässt.
Nachdem ich also die Idee, die immer wieder anklopft, gefunden habe, beginne ich, mich mit den Figuren zu beschäftigen. Das ist nach der Inspiration wirklich die Quelle jeder guten Geschichte. Ich gehe einen Schritt weiter: Es ist der wichtigste Dreh- und Angelpunkt! Denn wen will ich auf seiner Reise begleiten? In Form eines Exposés versuche ich zu skizieren, welchen Verlauf die äußere und innere psychologische Reise der Figuren nehmen kann. Bei Person und Handlung lasse ich mir hier noch sehr große Felder offen. Ich habe ganz bewusst nur einen groben Leitfaden. Das hängt mit meiner Lust zusammen, denn wenn ich Alles schon kenne, habe ich keine Lust mehr die Geschichte zu erzählen. Außerdem habe ich gemerkt, dass die Figuren sowieso machen, was sie wollen, wenn ich mich erst einmal auf das Abenteuer begebe. Da kann ich noch so viel in die Zukunft geschaut haben. Irgendetwas habe ich immer vergessen. Dem Exposé geht übrigens die Recherchearbeit voraus, das ist klar.
Für die dritte Phase schaufele ich mir mindestens drei Monate Zeit frei. Wäre das der Fall, könnten wir jetzt beispielsweise kein Interview führen oder ich nicht auf Lesereise gehen. In dieser Zeit kann ich Freunden und Verwandten auch nicht sicher sagen, ob ich zur Geburtstagsparty komme oder nicht. Wissen Sie, nachdem meine Kinder im Kindergarten sind, sitze ich am Schreibtisch und arbeite. Leider ist die Muse nicht immer parallel am Tisch und so kann es passieren, dass ich erst gegen Abend merke, dass es mit dem Schreiben richtig gut läuft. Die Geburtstagsparty findet dann ohne mich statt. In dieser besagten Phase weiß mein Umfeld, dass meine Sozialkontakte nicht die besten sind. Während des Schreibens stoße ich auf Aspekte, die ich wiederum recherchieren muss. Am liebsten spreche ich hier mit Experten zu den einzelnen Themen. Aber auch das Internet oder Bücher sind mir hier ein großes Hilfsmittel.
Nach drei Monaten ist der erste Entwurf fertig. Der geht dann zum Verlag zu meinen beiden Lektorinnen Caroline Grehl und Regine Weißbrot. In dieser Zeit darf ich nicht weiterschreiben, sonst hätten wir ja zwei verschiedene Ausgangspositionen. Das ist dann die Phase, in der ich Urlaub mache, verstärkt für die Familie da bin oder auf Lesereise gehen kann. Geburtstage in dieser Phase nehme ich natürlich gerne wahr.
By the way, Hemingway hat einmal gesagt, dass der erste Entwurf immer Mist ist. Damit hat er leider recht. Das bedeutet, dass ich den ersten Entwurf etwa nach einem Monat mit zahlreichen Anmerkungen zurückbekomme. Diese Punkte arbeite ich dann ab und sende das Manuskript wieder zurück. Das Spielchen geht drei, vier Mal hin und her bis die Druckfassung steht. Alles in allem sind dann von dem Tag, an dem ich mich an den Schreibtisch gesetzt habe, bis zur letzten Korrektur im Regelfall zwölf Monate vergangen.

Am 25. Oktober ist Ihr neuer Roman „Flugangst 7A“ erschienen. Worum geht es?

Ich selbst leide nicht unter Flugangst, aber ganz wohl ist mir beim Fliegen nicht, weil ich glaube, dass der Mensch nicht da oben hingehört. Also habe ich mich mal mit dem Thema beschäftigt, ob es sichere oder besonders unsichere Plätze im Flugzeug gibt. Dabei bin ich jedoch mit meinen Recherchen an meine Grenzen gestoßen. Es ist nicht leicht, herauszufinden, welchen Platz die sogenannten „Sole Survivor“ in einem abgestürzten Flieger hatten. Zwar gibt es da eine Wikipedia-Liste, einfach, an weitere Informationen ranzukommen, war es trotzdem nicht. So bin ich bei der Deutschen Juliane Köpke, die in Südamerika abgestürzt ist, fündig geworden. Sie saß in Reihe 19.
Ein Crashtest in der Wüste von New Mexico gab mir ebenfalls entscheidenden Input. Die schlechte Nachricht für alle Fliegenden ist, dass Passagiere in der First Class und der Business Class die schlechtesten Überlebenschancen bei einem Absturz haben. Der Platz 7A wurde jedoch aus dem Flieger rausgerissen und blieb von der Explosion verschont.
Diese Recherche hat auch die Hauptperson von „Flugangst 7A“ betrieben, ein Psychiater, der unter extremer Flugangst leidet, aber einen 13-Stunden-Flug von Buenos Aires nach Berlin antritt, um rechtzeitig zur Entbindung seines Enkelkindes dabei zu sein. Er nimmt alles auf sich und kauft gleich vier Plätze – den jeweils sichersten Platz für Start und Landung, für den Flug über Land sowie für den über Wasser. Auch Platz 7A hat er reserviert, denn er möchte nicht, dass auf diesem Platz jemand sitzt. Vorbereitet auf alle Möglichkeiten, die während des Fluges eintreten können, bekommt er einen Anruf, mit dem er nicht gerechnet hat. Ein Erpresser teilt ihm per Telefon mit, dass ein ehemaliger Patient von ihm an Bord ist. Diesen Patienten heilte er in der Vergangenheit erfolgreich von Gewaltfantasien, die darin bestanden, dass dieser Patient sich selbst und möglichst vielen anderen Menschen das Leben nehmen wollte. Die Aufgabe, die der Erpresser dem Psychologen gibt, ist, diese Therapie nun rückgängig zu machen. Der Patient soll wieder aggressiv werden und das Flugzeug, in dem er ja auch selbst sitzt, zum Absturz bringen. Tut er dies nicht, stirbt seine in der Zwischenzeit entführte hochschwangere Tochter.

Wie haben Sie sich in die unter Flugangst leidende Person hineinversetzen können?

Ich sage immer, man muss sich keine Axt ins Schienbein rammen, um den Schmerz nachvollziehen zu können. Empathische Menschen schaffen es, eigene Empfindungen zu nehmen und diese zu intensivieren. Jeder hat sich schon einmal das Schienbein gestoßen. Die Axt im Bein wäre ein vielfacher Schmerz davon.
Nehmen wir das Smartphone. Die meisten Handybesitzer denken, sie sind handysüchtig. Dazu gibt es ja auch Untersuchungen. Zum Beispiel die, in der Menschen in einen leeren Raum mit Handy gesetzt wurden. Während Frauen es im Schnitt eine Minute geschafft haben, sich mit ihren eigenen Gedanken auseinanderzusetzen und dann erst zum Handy zu greifen, haben Männer es nur 30 Sekunden geschafft. Worauf ich hinaus will: Es lässt sich beispielsweise nicht nur eine Nikotinsucht nachvollziehen, sondern auch, warum es Menschen gibt, die sich hundert Mal am Tag die Hände waschen. Diese Menschen wissen auch ganz genau, dass das nicht normal ist. Aber sie machen es, um ein ganz bestimmtes Gefühl zu haben. Jeder, der also zu seinem Smartphone greifen will, sollte dies einfach mal nicht tun und dabei fühlen, was das mit ihm anstellt. In sich selbst hineinversetzt, erkennt man vielleicht, welche Qualen ein Mensch erleiden muss, der zwanghaft zum Handy greifen muss. Aus der eigenen Befindlichkeit lässt es sich so leicht auf andere Krankheiten schließen.

Haben Sie selbst Phobien?

Naja, Phobien sind ja tatsächlich behandlungsbedürftige Ängste. Nun besteht das Wesen der Geisteskrankheit darin, diese zu leugnen. Wenn ich jetzt also sage, ich bin gesund, dann wird jeder Psychiater hellhörig. Aber ich habe tatsächlich den Drang, ständig online zu sein und mein Handy zu checken.
Einmal bin ich zum Psychiater gegangen und habe ihm gesagt, dass ich über eine Psychotherapiesitzung schreiben möchte und gerne ein Gespräch simulieren möchte. Ich selbst bräuchte keine, schließlich sei ich ja gesund. Er benötigte aber einen Anhaltspunkt. Also nahmen wir uns meinen Drang vor, ständig ans Handy zu greifen. So auch das Syndrom, dass mein Handy in der Hosentasche vibriert, obwohl es das nicht tut. Der Psychiater meinte, dass es keine Sucht ist, denn ansonsten würde sich diese Zwangsstörung verstärken bis zu dem Punkt, wo man sich das Handy vor die Augen schnallt und eine Windel umbindet. Im Übrigen tragen Hardcore-Gamer eine Windel, um die Zeit, die für den Toilettengang verloren geht, einzusparen. Insgesamt war das Gespräch sehr aufschlussreich.
Aber ich habe natürlich auch Ängste. Wir Thrillerautoren müssen in meinen Augen Weicheier sein. Ich habe Angst vor Schmerzen, also kann ich diese auch gut beschreiben. Daneben habe ich auch Angst vor Verlusten und vor Fehlern. In meiner Kindheit wurde ich von der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“ traumatisiert. Die habe ich offensichtlich in jungen Jahren zu früh gesehen, denn immer dann, wenn ich nachts auf dem Fahrrad nach Hause fahrend vom Tennis einen Parkplatz schon von weitem gesehen habe, hörte ich eine Stimme im Kopf die da sagte: „Sebastian wurde das letzte Mal lebend gesehen an der Kreuzung Habichtstraße Ecke Waldkauzstraße.“ Dann bin ich immer ganz schnell nach Hause geradelt. Ich hatte also eine Wahnsinnsangst, zumindest hielt ich es für ein sehr großes Risiko, entführt zu werden – alles nur wegen „Aktenzeichen XY“.
Mit anderen Worten: Ich glaube, ich habe keine krankhaften, behandlungsbedürftigen Phobien, wohl aber massive Ängste. Aber welcher Elternteil hätte die nicht?

Wenn Sie sich entscheiden müssten, mit welcher Phobie würden Sie eher leben wollen? Ich gebe Ihnen drei zur Auswahl: Die Anatidaephobie, die Sesquipedalophobie oder die Easiophobie.

Oh Gott, ich kenne keine der drei Phobien.

Die Anatidaephobie ist die Angst von einer Ente beobachtet zu werden. Der Sesquipedalophobiker fürchtet sich schrecklich vor langen Wörtern und bei der Easiophobie hat der Betroffene Angst davor, etwas zu schreiben. Schon der Gedanke daran kann Angst auslösen.

Dann nehme ich natürlich die Entenphobie. (lacht) Denn es kommt ja in Berlin nicht allzu oft vor, dass eine Ente den Weg kreuzt. Andererseits könnte ich dann vielleicht nicht mehr an meinen Lieblingsort gehen. Aber eine Ente kann ich leichter vermeiden als lange Wörter und etwas zu schreiben. Das wäre ja ansonsten wie eine Schreibblockade, gleichzusetzen mit meinem beruflichen Tod, wenn ich Easiophobiker wäre.

Der Kult-Filmemacher Quentin Tarantino hat mal gesagt, dass er nach seinem zehnten Film aufhören wird. Er mag die Idee, die Zuschauer in einem Moment zurückzulassen, in dem sie noch nach etwas mehr verlangen als ihn darum zu bitten, abzutreten. Auf wie viele Fitzek-Romane dürfen wir uns noch freuen?

Ich muss gestehen, dass ich beim Schreiben meiner Bücher versuche, den Leser als das ominöse, bekannte, erforschte Zielgruppen-Etwas total auszublenden. Ich probiere in der ersten Entstehungsphase alle Leserinnen und Leser, die ich bisher getroffen oder mit denen ich mich ausgetauscht habe, komplett zu ignorieren. Das gelingt natürlich nicht immer.
Mein guter Freund und Thrillerautor-Kollege Chris Carter hat mal gesagt, dass sich ein Leser aufgeregt hat, dass seine Schlüsselfigur immer so viel raucht. Carter sagte, warum soll ich meine Figur ändern für jemanden, den ich nicht kenne. Vielleicht rasiert sich der ja die Augenbrauen ab, trägt eine Windel und ist ein Tierquäler. Trotzdem hatte Carter das im Hinterkopf. Das kann bedeuten, dass man als Schriftsteller jeder Meinung, die man von außen reinbekommt, etwas zurückgeben möchte. Das könnte der Anfang sein, sich in die Mittelmäßigkeit zu begeben, weil man es allen recht machen möchte. Bei Tarantino ist es ein wenig anders gelegen, denn der will es ja gerade nicht allen recht machen.
Aber worauf ich für mich persönlich hinaus will, ist die Tatsache, dass ich keine Auftragsarbeit leiste. Ich habe nicht angefangen zu schreiben, um das zu machen, was ich im Radio gemacht habe. Da wird nämlich jeder Song durch die Marktforschung gespült und am Ende habe ich jedem Hörer das gegeben, was und in welcher Reihenfolge er es gerne hören wollte. Ich wollte etwas Eigenes schaffen. Das heißt also: Ich schreibe ein Buch, weil da etwas in mir drin ist, das raus muss. Das klingt zwar esoterisch, ist aber so. Aber bei jedem Mal versuche ich mich daran zu erinnern, was ich fühlte, als ich das erste Mal ein Buch geschrieben habe – nämlich „Die Therapie“. Dieses Gefühl möchte ich immer wieder aufs Neue in mir erzeugen. Damals kannte ich keinen einzigen Leser. Ich wusste nicht, welche drei Leute zu meinen Lesungen kommen. Ich hatte keine Ahnung, ob das Ergebnis eher Männern oder Frauen gefallen wird. Im Prinzip hatte ich nur mich und die Geschichte, die ich selber gerne lesen würde. Genau das ist mein Maßstab. Übrigens kommen erst dann das Marketing und der Verlag. Die entscheiden über das Cover und richten den Scheinwerfer darauf, damit es möglichst viele Menschen mitbekommen. Aber es wird bei mir nie so sein, dass ich sage: „Oh, jetzt ist gerade Fliegen hip, daher mache ich etwas über Flugzeuge.“
Als ich beispielsweise „Passagier 23“ fertig hatte, dachte ich, dass dies mein erster Flop wird. Aber das Gegenteil war der Fall. Hier passt doch das Hollywood-Sprichwort: Nobody knows anything in the business. Mit anderen Worten: Ich werde so lange schreiben, wie ich das Gefühl habe, dass ich Geschichten schreibe, die es wert sind, gelesen zu werden. Ich will nicht strategisch aufhören zu schreiben, nur weil ich dann mit einem Sieg abtreten könnte, anstatt etwas auf die Fresse zu bekommen. Wir wollen doch auch unseren Kindern beibringen, sich selbst zu verwirklichen, selbst wenn es keinem anderen gefällt. Dass sie auch dann tanzen, wenn es total lächerlich aussieht. Und dass sie auch dann ein Bild malen, wenn es nirgendwo aufgehängt wird. Warum sollte ich dann aufhören, nur weil meine Bücher schlechter verkauft werden? Deswegen möchte ich mich nicht nach anderen Menschen richten, schon gar nicht nach denen, die ich gar nicht kenne. Ich werde also so lange neue Bücher schreiben, wie ich das Gefühl habe, damit neue Welten aufzustoßen. Und ich werde dann aufhören Bücher zu schreiben, wenn ich mich anfange, mich zu wiederholen. Wenn ich also merke, dass ich einem reinen Auftragsjob verfalle, dann werde ich den Stecker ziehen – unabhängig von der Auflagenzahl.

Was kommt danach?

Mein Weg nach dem des Schriftstellers wird genau so entstehen wie der als ich Schriftsteller wurde. Alles was ich in meinem Leben geplant habe, ist grandios gescheitert. Und alles wogegen ich mich gesträubt habe, wie beispielsweise meine Ehe, hat wunderbar funktioniert. Meine Frau ist 14 Jahre jünger als ich und ich wollte dem Klischee nicht verfallen. Ich habe also alles abgeblockt, was nur irgendwie ging, aber das hat in diesem Fall nicht so geklappt wie gewünscht. Gott sei Dank, denn heute haben wir drei Kinder, sind glücklich verheiratet und haben das verflixte siebte Jahr hinter uns.
Ich hatte eigentlich nie vor, Schriftsteller zu werden. Eher Schlagzeuger, Tennisspieler und sogar Strafverteidiger. Da muss ich doch tatsächlich meinen Kollegen Peter Prange zitieren: Gemessen an meinen Lebenszielen bin ich ein ganz schöner Versager. Ich habe nichts erreicht, was ich wollte. (lacht)

Wird man Sie eines Tages vielleicht als Schauspieler oder gar Regisseur sehen?

Ich glaube, ich bin ein ziemlich schlechter Schauspieler und könnte wirklich nur mich selber in bestimmten Ausprägungen spielen.
Irgendwann mal würde ich gerne etwas Lustiges machen. Ich komme ja auch aus der komödiantischen Unterhaltung und habe lange Zeit als Gag-Autor gearbeitet. Aber es ist mir nun mal nicht in Wiege gelegt worden, dass ich wie Tommy Jaud auch Komödien schreiben kann. Nach wie vor mag ich es jedoch, Menschen zum Lachen zu bringen. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum bei meinen Lesungen mehr gelacht als sich gegruselt wird. Aber mehr als eine Statistenrolle würde ich mir gar nicht zutrauen. Ich traue mich ja nicht einmal, ein Drehbuch für den Film zu schreiben. Auch das ist eine Kunst. Ohne Ausbildung könnte ich also weder Schauspieler noch Drehbuchautor werden. Allerdings würde ich während dieser Schule vermutlich merken, dass ich dafür kein Talent habe.
Ich bin leider auch nicht der kommunikationsfreudigste, offenherzigste Entertainer. Alleine im Urlaub würde ich auch niemanden kennenlernen. Wenn ich auf eine Party gehe und dort keinen kenne, dann lerne ich auch keinen kennen. Beim Schauspielern muss man aus sich herausgehen. Das könnte mir sehr schwer fallen.
Ins Filmgeschäft beispielsweise als Produzent einzusteigen, kommt für mich nicht infrage. Das ist was für Wahnsinnige, habe ich gemerkt. Dann schaffe ich die 60 Jahre nicht in diesem Leben. Daher Hut ab vor allen Produzenten.

Welche Rolle würden Sie denn als Schauspieler einnehmen wollen? Die des Guten, des Retters, des Helden, den alle lieben oder eher die des Unberechenbaren, vielleicht sogar die des Psychopathen, den man untergehen sehen möchte?

Hey, jeder will doch die fiese Sau spielen. Das ist klar. Aber wenn ich den Helden spielen müsste, dann einen realistischen Helden mit all seinen Fehlern. Warum liebt der Zuschauer denn gebrochene Helden? Man kann ja auch mit einem korrupten Bullen Sympathien säen. Gute Autoren schaffen es ja auch, dass mit Kannibalen sympathisiert wird – Stichwort Hannibal Lecter. Zumindest aber, dass man gerne mit diesen Figuren auf Reisen ist. Eine solche Rolle mit mir auszufüllen, wäre dann doch unfreiwillig komisch.

Meine letzte Frage gilt Finanzanlagen. Wie legt einer der erfolgreichsten und sympathischsten Schriftstellern Deutschlands sein Geld an?

Von Anfang an habe ich zunächst einmal immer in mich selbst investiert. Schauen Sie sich um. Hier ist eine Firma, in die habe ich investiert. Die hat jetzt nicht so wahnsinnig viele Mitarbeiter. Integriert ist ein Shop und der befindet sich weiter im Aufbau.
In Aktien investiere ich nicht – nicht mehr. Dazu bin ich der zu typisch deutsche, unwissende, ängstliche Mensch. Ich habe halt einfach keine Ahnung von Aktien. Die einzigen Aktien, die ich mal zum Ausprobieren mit einem kleinen Betrag gekauft habe, sind gnadenlos an die Wand gefahren.
Ich sagte mir am Anfang meiner Schriftstellerkarriere: Wenn ein Verlag an dich glauben soll, dann musst vor allem du an dich selbst glauben. Also habe ich eine Infrastruktur aufgebaut, die den Verlag unterstützt hat. Ich wusste, mit einem Vorschuss von 2.500 Euro und einer Auflage deines ersten Thrillers von 4.000 Stück kommst du nicht weit. Aber den Vorschuss und ein wenig vom Ersparten investierst du darein, dass Du jemanden hast, der deine Lesereisen organisiert. Das ist über die Zeit gewachsen. Mittlerweile habe ich auch Mitarbeiter, die sich um die Webseite kümmern. Die Texte schreibe ich alle selber, auch für die Social-Media-Auftritte, aber es muss ja auch alles gepflegt werden.
Auch für andere Autoren und Künstler arbeitet meine Firma. Ich jetzt nicht persönlich, sondern meine Managerin Manuela Raschke, die das in den letzten elf Jahren gewonnene Know-how nutzt, um es auch anderen Autoren anzubieten. Damit unterstützen wir also auch Newcomer.
Also, insgesamt habe ich die ersten fünf Vorschüsse komplett wieder ausgegeben – beispielsweise für Premieren und Touren. Denn keiner sagt, wir investieren jetzt mal 60.000 Euro für eine Leseshowtour für einen Autor, von dem wir nicht wissen, ob er sich durchsetzt. Das habe ich dann selber gemacht.
Jetzt habe ich das Glück, dass ich meine Einnahmen verwenden kann, um beispielsweise meine Immobilie abzahlen zu können. Man kann also sagen, dass ich jetzt schon in der Altersversorgung lebe – auch typisch deutsch.
Ich habe meine Einnahmen aber auch schon in Flops investiert. So habe ich einen sehr großen Betrag in den Kinofilm „Das Kind“ gesteckt. Der hat sich jetzt noch nicht amortisiert. Obwohl er für eine Independent-Low-Budget-Produktion gar nicht so schlecht, aber rein finanziell war das eine Negativ-Investition. Hierzu denke ich aber auch anders. Denn wer weiß, ob jetzt nicht vier Filme gleichzeitig produziert werden würden, hätte ich nicht in „Das Kind“ investiert.

Das Schlusswort möchte ich gerne Ihnen überlassen.

Redaktionelle Anmerkung: Das Schlusswort schrieb Sebastian Fitzek als Widmung in ein Buch für Chefredakteur Marcus Kapust. Es sei an dieser Stelle zumindest so viel verraten: Eine jede Reise kann an Spannung gewinnen, insbesondere dann, wenn man sich darauf einlässt – ganz egal, ob man sich mit einem Buch, einem Film oder einem Gespräch mit einem bis dato Fremden auf die Reise begibt.

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