Select Page

Interview mit dem chinesischen Botschafter

Interview mit dem chinesischen Botschafter

Auf der Suche nach weiteren Hintergründen zum aktuellen Umfeld gelang es dem Redaktionsteam des Derivate Magazins, ein ausführliches Interview mit seiner Exzellenz, dem chinesischen Botschafter in Berlin, Herrn Shi Mingde zu führen.

Herr Botschafter Mingde, das zweistellige Wirtschaftswachstum Chinas, welches die Industrienationen lange Zeit verwöhnte, gehört nun der Vergangenheit an. Bitte erklären Sie uns den derzeitigen Transformationsprozess Chinas und seine langfristige Absicht?

Shi Mingde: Betrachtet man Chinas Wirtschaft, muss man zunächst das Ganze im Blick haben. Im letzten Jahr übertraf das Gesamtvolumen von Chinas Wirtschaft 10 Billionen US-Dollar, das BIP stieg um 6,9%. Zwar hat sich das Wachstum im Vergleich zu früher verlangsamt, aber es rangiert nach wie vor in der vorderen Reihe der wichtigsten Volkswirtschaften der Welt, sein Beitrag zum globalen Wirtschaftswachstum erreichte 25%. Das ist nicht nur ein von einer hohen Basis ausgehendes Wachstum, sondern eines, das in einer Phase der Transformation und des Upgradings verwirklicht wurde. Die Sorge, die Transformation von Chinas Wirtschaft würde zu einem Rückgang des globalen BIP führen, entbehrt jeder Grundlage. In diesem Jahr hat Chinas Wirtschaft einen im Ganzen stabilen Start vollzogen, und es gab neue positive Veränderungen. Wir haben eine Serie von Maßnahmen zur Wachstumsstabilisierung und zum Anstoß von Reformen auf den Weg gebracht, deren politische Effekte sich jetzt stetig akkumulieren.

Zweitens muss man die Tendenz im Blick haben. Im letzten Jahr kamen im städtischen Bereich landesweit mehr als 13 Millionen Arbeitsplätze dazu. Das Einkommen der Bevölkerung wuchs schneller als das BIP. Die Lage am Arbeitsmarkt war im Januar und Februar dieses Jahres im Wesentlichen stabil, die in 31 Großstädten ermittelte Arbeitslosenrate verharrte bei ungefähr 5,1% und war damit im Großen und Ganzen unverändert zum letzten Jahr.

Das industrielle Upgrading hat Tempo aufgenommen, der Dienstleistungs-Sektor, die High-Tech-Branche und der Anlagenbau haben alle ein relativ schnelles Wachstum bewahrt.

Die Inlandsnachfrage vergrößert sich weiter, der Konsum hat zweistellige Wachstumsraten erreicht. Der Konsum und der Dienstleistungssektor sind zu den Hauptantriebskräften der Wirtschaft geworden. Der Grad des Energieverbrauchs und der Ausstoß der wesentlichen Schadstoffe sind kontinuierlich nach unten gegangen, was ein Zeichen für eine Verbesserung der Wachstumsqualität ist.

Drittens muss man die langfristige Entwicklung im Blick haben. Obwohl China bereits zur weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft geworden ist, befindet sich Chinas Pro-Kopf-Einkommen global gesehen noch immer auf mittlerem Niveau, dies an sich ist ein Defizit und zugleich Potential. Insbesondere in Zentral- und Westchina gibt es noch riesige Spiel- und Manövrierräume.

China treibt derzeit seine Industrialisierung und Urbanisierung voran, seine Reformkräfte sind stark, bei der Inlandsnachfrage gibt es Spielraum, die Entwicklung besitzt Elastizität, bei der Innovation kennt man die richtige Vorgehensweise, und die seit langem positiven Basisdaten der chinesischen Wirtschaft haben sich nicht geändert und werden sich auch nicht ändern.

Natürlich sehen wir auch, dass die chinesische Wirtschaft bereits tiefgehend in die globale Wirtschaft integriert ist. Nehmen die Faktoren der globalen Instabilität und Unsicherheit zu, dann wird Chinas Wirtschaft davon zwangsläufig beeinflusst oder sogar stark getroffen werden. Gleichzeitig werden tiefgreifende strukturelle Widersprüche im Inland sichtbar, der Abwärtsdruck der Wirtschaft ist groß, der Prozess der Transformation und des Upgradings verläuft notwendigerweise unter Schmerzen, insbesondere haben Unternehmen aus einigen Branchen Schwierigkeiten bei der Produktion und beim Betrieb.

Wir weichen den Schwierigkeiten nicht aus und sind uns über die Kernpunkte der Schwierigkeiten im Klaren. Wir werden uns anhand der neuen Entwicklungsphilosophie von Innovation, Abgestimmtheit, Ökologie, Öffnung und gemeinsamer Nutznießung auf das Vorantreiben struktureller Reformen konzentrieren, insbesondere solcher auf Angebotsseite. Die vorrangige Aufgabe ist das Festhalten an der Entwicklung, es gilt, ein Entwicklungsmodell zu schaffen, in der die Wirtschaft stabil ist, ein mittleres bis hohes Wachstum aufweist und auf dem Weg hin zu einem mittleren bis hohen Niveau ist.

Welche Rolle spielte Deutschland als Handelspartner von China und welche Rolle könnte Deutschland in Zukunft einnehmen?

Shi Mingde: Deutschland ist für China der größte Handelspartner in Europa und das größte Herkunftsland für Technologie. Es ist auch eines der Länder mit den größten Direktinvestitionen in China. Im letzten Jahr betrug das deutsch-chinesische Handelsvolumen 156,78 Milliarden US-Dollar und machte damit fast 30% des gesamten China-EU-Handels aus, es betrug das Zwei- bis Dreifache des Handels zwischen China und Großbritannien oder zwischen China und Frankreich. Gleichzeitig ist China für Deutschland der größte Handelspartner in Asien und der viertgrößte weltweit. Die Wirtschaft zwischen Deutschland und China ist schon lange eng miteinander verwoben, verbindet man die Stärken der beiden Länder, dann tun sich unbegrenzte Möglichkeiten der Kooperation und des gemeinsamen Gewinnens auf.

China und Deutschland müssen die Chance ergreifen und schwerpunktmäßig die Kooperation in folgenden Bereichen vorantreiben: Im Rahmen des „Aktionsrahmens für die deutsch-chinesische Zusammenarbeit“ und der Innovations- Partnerschaftsbeziehungen umfassend die konkrete Kooperation beider Seiten auf allen Gebieten verstärken, insbesondere die tiefgehende Koppelung von „Made in China 2025“ und der deutschen Strategie „Industrie 4.0“.

Zweitens sollte Chinas Strategie „Ein Gürtel, eine Straße“ voll genutzt werden. China und Deutschland befinden sich jeweils an den beiden Enden des Wirtschaftsgürtels Seidenstraße, sie sind jeweils die größten Volkswirtschaften in ihrer Region. Beide Seiten können im Rahmen der Initiative von „Ein Gürtel, eine Straße“ ihre Kooperation verstärken, gleichzeitig können sie in den Regionen Zentralasiens sowie Zentral- und Osteuropas Kooperationen mit Dritten anstreben.

Drittens: In vollem Maß die Kooperationschancen nutzen, die von Chinas ökologischer Entwicklung ausgehen. Chinas Bedarf an Umwelttechnologie wird während des 13. Fünfjahres-Programms weiter steigen. Deutschland ist bei Energieeinsparung, Umweltschutz und ökologischer Entwicklung weltweit führend. In vielen Bereichen wie Müll und Abwasser, energiesparendes Bauen, Elektroautos und ökologische Landwirtschaft können die Unternehmen beider Seiten zum beiderseitigen Nutzen zusammenarbeiten.

Welche Herausforderungen haben Deutschland und China dementsprechend noch vor sich?

Shi Mingde: Die beiden Länder haben unterschiedliche Gesellschaftssysteme, ihre historischen und kulturellen Traditionen gehen auseinander, und beim Niveau und bei der Situation ihrer Entwicklung gibt es große Diskrepanzen. Deswegen sehen sie Probleme aus unterschiedlichen Blickwinkeln, und es ist nicht zu vermeiden, dass es bei den Anschauungen zu einigen Fragen Differenzen gibt. Bei der Behandlung ihrer bilateralen Beziehungen sollten beide Länder folgende drei Aspekte beachten:

Erstens: Man sollte dem Prinzip des gegenseitigen Respekts und der Bemühung um Gemeinsamkeiten bei gleichzeitiger Hintanstellung von Differenzen folgen. Keine der beiden Seiten sollte ideologische Grenzen oder Unterschiede im politischen System entscheidend sein lassen für den Grad von Enge oder Distanz und für die Qualität der staatlichen Beziehungen. Keine Seite darf danach trachten, die andere Seite entsprechend seinen eigenen Anschauungen umzuformen oder sich in dessen innere Angelegenheiten einmischen, noch weniger sollte sie die Kerninteressen der anderen Seite schädigen.

Zweitens: Man sollte dem Prinzip der Zusammenarbeit und des gemeinsamen Gewinnens folgen und die Vorstellungen von einem “Nullsummenspiel” über Bord werfen. Deutschland sollte die Bestrebungen Chinas, die entwickelten Länder einzuholen, richtig sehen: Die Theorie einer Bedrohung durch China, nach der ein sich entwickelndes China den entwickelten Ländern ihre Reisschale wegnimmt, ist völlig grundlos. Man sollte auch nicht der Meinung sein, dass Deutschland der “Wohltäter” und China der “Nutznießer” ist. Die Fakten liegen vielmehr klar auf der Hand: in den letzten Jahren hat die Entwicklung Chinas mehr als 30% zum globalen Wirtschaftswachstum beigetragen, und auch Deutschlands Wirtschaft hat davon stark profitiert.

Drittens: Man sollte dem Prinzip der Unabhängigkeit und Selbstständigkeit in den Entscheidungen folgen. Wir hoffen, dass Deutschland weiterhin an der Ein-China-Politik festhält, und dass es in Fragen, die die Kerninteressen Chinas berühren und in Fragen der Souveränität auf der Grundlage von Recht und Unrecht bei der jeweiligen Sachlage seine Urteile und seine Entscheidungen fällt.

Welche Bedeutung hat Chinas 13. Fünfjahresprogramm für Deutschland? Welche Plattformen der Kooperation bietet das 13. Fünfjahresprogramm Ihrer Meinung nach für die Zusammenarbeit zwischen deutschen und chinesischen Firmen?

Shi Mingde: Das 13. Fünfjahresprogramm ist eine wichtige Blaupause für die Entwicklung der chinesischen Volkswirtschaft, und China ist Deutschlands größter Handelspartner in Asien, weltweit sein viertgrößter. Deswegen wird Deutschland mit Sicherheit von Chinas Entwicklung profitieren. In den kommenden fünf Jahren wird China ein Wachstum von über 6,5% beibehalten, es wird Waren im Wert von über 10 Billionen US-Dollar importieren, und es wird mehr als 600 Milliarden US-Dollar im Ausland investieren. Gleichzeitig werden wir mehrere hundert bedeutende Bauvorhaben und Projekte durchführen, und der Prozess der Durchführung wird geöffnet sein und dem gemeinsamen Nutzen dienen, was den Unternehmen aller Länder, einschließlich der deutschen, geschäftliche Chancen bringen wird.

Das 13. Fünfjahresprogramm enthält eine Strategie der innovationsgetriebenen Entwicklung. Die Innovationszusammenarbeit bildet den strategischen Verbindungspunkt zwischen Deutschlands “Industrie 4.0” und “Made in China 2025”, und dies wird für die Entwicklung des chinesisch-deutschen und chinesisch-europäischen Handels neue Chancen und Impulse mit sich bringen. Beide Seiten suchen im Zuge der forcierten Umsetzung dieser strategischen Verbindung aktiv nach konkreten Industriezweigen und Schwerpunktgebieten für die Zusammenarbeit. Dabei wurden bereits zwei große Plattformen der Kooperation identifiziert:

Erstens: Planung und Aufbau des Chinesisch-Deutschen Industrieparks Shenyang für den High-End-Anlagenbau [Sino-Germany High-end Equipment Industrial Park in Shenyang]; dies wird den Wiederaufschwung eines alten Industriezentrums Nordostchinas fördern.

Zweitens: Sichuan zu einer großen chinesisch-deutschen Kooperationsplattform in Südwestchina machen. Deutschland ist das diesjährige Gastland der Western China International Fair, und es werden zahlreiche deutsche Firmen zur Teilnahme nach Chengdu kommen. Dies ist ein strategisches Signal dafür, dass China und Deutschland die Erschließung Mittel- und Westchinas gemeinsam vorantreiben werden.

Der Entwurf für das 13. Fünf-Jahres-Programm sieht eine Beschleunigung der Reformen des Finanzsystems vor. Welche Erfolge hat die Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland auf dem Gebiet der Finanzen bisher aufzuweisen?

Shi Mingde: Im Aktionsrahmen für die deutsch-chinesische Zusammenarbeit von 2014 findet sich bereits festgelegt, dass China und Deutschland einen hochrangigen Finanzdialog führen. Im vergangenen Jahr ist der stellvertretende Ministerpräsident Ma Kai nach Deutschland gereist, um diesen Dialog hier aufzunehmen. Beide Seiten verabschiedeten eine gemeinsame Erklärung mit 21 getroffenen Vereinbarungen, von denen viele bereits umgesetzt wurden. So hat zum Beispiel die von der Shanghaier Börse, der China Financial Futures Exchange sowie der Deutschen Börse gemeinschaftlich gegründete China Europe International Exchange (CEINEX) bereits im vergangenen November in Frankfurt ihre Arbeit aufgenommen. Die Mechanismen des RMB-Clearing in Frankfurt funktionieren vorzüglich, und Deutschland steht davor, Obligationen in Renminbi auszugeben. Außerdem unterstützt Deutschland die Aufnahme des Renminbi in den Korb der Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds. Deutschland bestärkt China beim Aufbau der Asiatischen Infrastruktur- und Investitionsbank (AIIB) und ist mit einem Anteil von 4,7% zu ihrem kapitalkräftigsten Mitgliedsland von außerhalb Asiens geworden. Im Bereich des Finanzwesens gibt es zwischen China und Deutschland eine ständige Kommunikation und Abstimmung, und selbst wenn zur Zeit einige Mechanismen der Kooperation gerade erst ihre Arbeit aufgenommen haben und sich noch in der Aufbauphase befinden, ist die Lage doch bestens und verspricht für beide Seiten Gewinn.

Sind Sie mit den derartigen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und China zufrieden? Wo sehen Sie Steigerungspotenzial?

Shi Mingde: In den letzten Jahren haben die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern eine dauerhafte und tiefgreifende Entwicklung erfahren und besonders in Bereichen wie Investitionen, Finanzen und Innovationen ständig neue Durchbrüche erzielt, was in beiden Ländern den Wohlstand mehrte. Augenblicklich steht die chinesisch-deutsche strategische Partnerschaft vor neuen Entwicklungschancen und verspricht, sich von einem hohen Niveau aus beständig nach vorn zu entwickeln sowie weiterhin die Vorreiterrolle in den chinesisch-europäischen Beziehungen zu spielen. Zum ersten erhöht die tiefgreifende Verkoppelung des deutschen Projekts „Industrie 4.0“ mit dem chinesischen „Made in China 2025“ in beiden Ländern für Informationstechnik wie auch High-End-Fertigung das Niveau der Entwicklung. Zum zweiten wird die Zusammenarbeit bei Investitionen fortlaufend vertieft. Während deutsche Firmen mit ihren Investitionen in China willkommen bleiben, werden chinesische Firmen aktiv ermuntert, in Deutschland zu investieren, um so einen Ausgleich in den gegenseitigen Investitionen zu schaffen. Zum dritten fördert der gemeinsame Aufbau einer Seidenstraße zu Wasser und zu Lande besonders mit der Verknüpfung der gegenseitigen Stärken die Zusammenarbeit auf Drittmärkten. Zum vierten bewirkt der Anschub der regionalen Zusammenarbeit in Wirtschaft und Handel, dass auch die Regionen in den Genuss der Früchte der Wirtschafts- und Handelskooperation zwischen den beiden Ländern kommen. Und fünftens fördern die Stärkung der politischen Konsultationen im multilateralen Rahmen der G 20 sowie die gemeinsamen Bemühungen um den Aufbau und den Schutz einer offenen Weltwirtschaft die Errichtung eines noch gerechteren und ausgewogeneren Systems zur Regelung der globalen Wirtschaft.

An welcher Stelle des wirtschaftlichen Lebens können Deutschland und China voneinander lernen?

Shi Mingde: Deutsche Unternehmen lassen sich in ihrem Handeln von einem Geist der Gewissenhaftigkeit, der Glaubwürdigkeit, der Aufmerksamkeit und des handwerklichen Geschicks leiten. Zahlreiche mittlere und kleine Unternehmen schaffen es immer wieder, allein auf Grundlage eines einzelnen Produkts zum heimlichen Weltmarktführer zu werden und eine marktbeherrschende Position einzunehmen. Ihre Überlegenheit beruht auf der Betonung von Innovation sowie Forschung und Entwicklung in den Betrieben, die Produkte sind nicht ohne weiteres austauschbar. Das zweigleisige System der Berufsausbildung versorgt die Betriebe mit ausreichend Technikern, die über die Fähigkeit verfügen, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungen in Produkte von hohem Mehrwert umzusetzen. Außerdem verfügen die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft über ein effektives System zur Beaufsichtigung und Kontrolle der Qualität und Reputation. Die Mechanismen der jeweiligen Industrie- und Handelskammern sind ausgereift und tatsächlich in der Lage, ihre Unternehmen zu beraten, ihnen Dienstleistungen anzubieten sowie die Rechte und Interessen der Firmen effektiv zu schützen, was der internationalen Wettbewerbsfähigkeit dieser Unternehmen sehr zugutekommt. Die chinesischen Unternehmen verfügen über eine ausgeprägte Fähigkeit, auf die Bedürfnisse des Marktes und der Kunden einzugehen, sie sind kurzfristig lieferfähig, der Grad ihrer Verknüpfung mit den internationalen Märkten ist hoch, und sie wissen auch Durst-strecken zu überwinden. In einer Zeit, in der die Daten immer stärker das wirtschaftliche Leben bestimmen, zeigen sich die chinesischen Firmen und Verbraucher angesichts dieser neuen Dinge aufgeschlossen, die Akzeptanz dafür ist relativ hoch, was die Verbreitung und den Einsatz digitalisierter Produkte von Vorteil ist. Der unglaubliche Boom des Online-Handels ist ein Beleg hierfür. Daher werden die Unternehmen beider Seiten auf den internationalen Märkten erfolgreich agieren, wenn sie ihre Zusammenarbeit zum wechselseitigen Vorteil verstärken und ihnen der Brückenschlag zwischen deutscher Qualität und chinesischem Tempo gelingt.

Welche Branchen haben in China die besten Erfolgsaussichten? Was könnte der nächste chinesische Exportschlager werden?

Shi Mingde: In den 30 Jahren seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik haben sich sämtliche Branchen rasant entwickelt, doch finden sich darunter auch einige Sparten und Produkte, denen es an innerer Dynamik fehlt und denen eine wirkliche Wettbewerbsfähigkeit auf dem Markt abgeht. Die chinesische Regierung setzt sich aktiv für strukturelle Reformen ein, um neue Energien freizusetzen und eine neue Wirtschaft zu entwickeln, in der ausgehend von der Erhöhung der Qualität des Angebots die Hochwertigkeit des Angebots ausgebaut und die Effektivität des Angebots ausgeweitet wird sowie der Wettbewerb an sich voll zur Geltung kommt. Zukünftig werden High-Tec-Industrien sowie moderne Dienstleistungen die Sparten mit den günstigsten Entwicklungsperspektiven sein.

Ähnlich verhält es sich mit dem Export. Auch wenn China sich auf der Grundlage des „Made in China“ den Ruf einer „Werkbank der Welt“ erworben und den Platz der weltweit größten Handelsnation errungen hat, gibt der chinesische Außenhandel doch eher ein Bild ab, das zwar von Größe, nicht aber von Stärke zeugt. Wir müssen das „Made in China“ etablieren und dafür sorgen, dass die chinesischen Exportprodukte wettbewerbsfähig bleiben. In den letzten Jahren sind für China kapital- und technikintensive Maschinen- und Elektronikteile zu den größten Exportrennern geworden, und auch in Zeiten der weltweiten Flaute im Handel konnte der Export sein Wachstum beibehalten. Des weiteren bleibt Chinas Export nicht allein auf den Warenhandel beschränkt, denn während es den Handel mit traditionellen Dienstleistungen wie Transport und Tourismus festigt, bemüht es sich um die Ausweitung des Exports von neuartigen Dienstleistungen wie Kultur, chinesische Medizin und Pharmazie sowie Software und Datenverarbeitung. China wird Produkte wie den Anlagenbau an den Trend zum „Go global!“ anpassen und nach Kräften den Export von Dienstleistungen für die damit verbundenen Bereiche wie Finanzen, Versicherungen, Logistik und Instandhaltung ausbauen, um so die enge Verknüpfung des Handels mit Dienstleistungen mit dem Handel von Waren wie auch den Auslandsinvestitionen mitsamt den entsprechenden Synergieeffekten zu erreichen.

Welche Produkte aus Deutschland sind in China besonders gefragt? Was würden Sie einem deutschen Unternehmer raten, der in oder mit China Geschäfte machen möchte und wie lautet aus Ihrer Sicht das Rezept, um im chinesischen Markt erfolgreich zu sein?

Shi Mingde: Was deutsche Unternehmen für die Entwicklung der Zusammenarbeit in Wirtschaft und Handel mit China am meisten benötigen, sind immer noch strategisches Urteilsvermögen und Mut. Diese beiden Dinge waren auch der Grund für die gewaltigen Erfolge, die deutsche Firmen in den vergangenen 30 Jahren in China erzielt haben. Zur Zeit ist nicht nur das Konsumpotenzial sehr groß, sondern die Aufwertung des Konsums ist unter den gegebenen Umständen geradezu zwangsläufig, woraus sich für deutsche Produkte und deutsche Technik ein ausgesprochen großer Marktspielraum ergibt. Im Jahre 2015 lebten in China 56,1% der Einwohner beständig in Städten; in entwickelten Ländern liegt diese Quote häufig bei über 80%. Der Anteil an dauerhaften Gütern pro Kopf sowie das Niveau der Infrastruktur und der öffentlichen Dienstleistungen fallen in China noch recht weit hinter den entwickelten Ländern zurück. Im Jahre 2015 besaßen rund 100 von tausend Chinesen ein Privatauto, während diese Zahl in Amerika und Japan im Jahre 2012 bei 781 bzw. 593 lag. Als ein großes Erzeugerland liegt China bei weltweit gut 500 Industrieartikeln mit mehr als 220 Produkten mengenmäßig in der Welt an der Spitze, doch recht gravierend ist das Phänomen, dass Angebot und Nachfrage nicht austariert sind, so dass bei einem Teil der traditionellen Branchen Überkapazitäten herrschen, während anderseits in aufstrebenden Bereichen das Angebot recht unzureichend ausfällt. Dass 2015 die Ausgaben chinesischer Touristen im Ausland 1,2 Billionen Yuan überstiegen haben, zeigt, dass das inländische Angebot unmöglich mit den steigenden Ansprüchen der Verbraucher Schritt halten kann. Für die Zukunft hat China bei Service und Konsum einen großen Nachholbedarf, und zwar in der Qualität der Produkte, der Einhaltung und Überwachung von Standards, in Konsum und Umwelt, besonders aber in der Kranken- und Altenfürsorge und im Gesundheitswesen. Die Regierung wird ausländischen Unternehmen einen noch besseren Zugang zu den Märkten sowie ein noch besseres rechtliches Umfeld bieten in der Hoffnung, dass deutsche Unternehmen die neu sich bietenden historischen Chancen auch ergreifen.

Vielen Dank Herr Botschafter Mingde.

 

Das Interview führte Marcus Kapust

Shi Mingde ist seit 2012 Botschafter der Volksrepublik China in Berlin. Davor bekleidete er zwei Jahre das Amt des Botschafters in Wien. Ab 2002 war Herr Mingde als Gesandter der Botschaft in Berlin tätig, bevor er 2006 zum General­ direktor des zentralen Büros für auswärtige Angelegenheiten beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas bestellt wurde. Von 1997 bis 2002 war er Botschaftsrat des Planungsstabs und Vizeabteilungsleiter für Westeuropa des chinesischen Außen­ ministeriums.

Shi MinGDE

seine Exzellenz, der chinesische Botschafter

Jetzt Newsletter abonnieren

Jetzt Newsletter abonnieren

Erfahren Sie, was wichtig ist - mit dem kostenlosen Newsletter des !derivate Magazins

Sie haben sich erfolgreich für den Newsletter angemeldet!