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Interview mit Heinrich Kronbichler

Foto: Christoph Michaelis

Interview mit Heinrich Kronbichler

Bewusst sein…

Als einer der ersten Unternehmer Deutschlands stellte Heinrich Kronbichler, der Mitglied der Bewegung Gemeinwohl-Ökonomie ist, mit seiner WBS TRAINING AG eine Gemeinwohl-Bilanz auf.

Bewusst sein …

Viele Unternehmen achten laut ihren Webseiten unter dem Modebegriff Corporate Social Responsibility (CSR) auf eine soziale unternehmerische Verantwortung. In vielen Fällen steckt nicht viel mehr als Marketing dahinter. Heinrich Kronbichler hingegen setzte sich ernsthaft damit auseinander. Als einer der ersten Unternehmer Deutschlands stellte er als Mitglied der Bewegung Gemeinwohl-Ökonomie mit seiner WBS TRAINING AG eine Gemeinwohl-Bilanz auf. Die Redaktion des Derivate Magazins sprach mit Heinrich Kronbichler über seine Erfahrungen damit und warum aus seiner Sicht jeder Bürger etwas zum Gemeinwohl beitragen sollte.

Herr Kronbichler, wie definieren Sie Nachhaltigkeit und Wirtschaftsethik?

HEINRICH KRONBICHLER: Nachhaltigkeit und Wirtschaftsethik betrachte ich als Voraussetzung um eine Welt zu kreieren und vor allem zu hinterlassen, welche nicht schlechter ist als die, die wir vorgefunden haben. Unser Anspruch müsste eigentlich heißen, dass diese Welt noch besser wird als die, die uns von unseren Vorfahren übergeben wurde. Dies sollten wir uns im Interesse unserer nachfolgenden Generationen als Ziel setzen.
Auf diesem Weg sollten wir nicht mit dem großen Finger auf andere zeigen, sondern bei uns selbst anfangen. Man könnte es auch mit den Worten von Gandhi zum Ausdruck bringen: „Sei du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.“
Schauen Sie sich einmal die furchtbare Situation in den Schlachthöfen an. Dort geht es unvorstellbar grausam zu. Die Angst, die die Tiere während des Schlachtens erleben, essen wir mit. Dies erfolgt beispielsweise durch das Adrenalin und andere Stoffe, die während des Schlachtens ausgestoßen werden. Die Schwingungen, die dabei im Fleisch der Tiere erzeugt werden, können sich beim Essen auf uns übertragen. Dies ist Quantenmechanik, von der ich überzeugt bin. Ich gehe inzwischen soweit, dass ich nichts mehr esse, was Augen hatte. Zu dieser Einstellung bin ich u.a. aufgrund des Buches „Tiere essen“ gekommen, welches mir eine Mitarbeiterin empfohlen hatte. Dieses Buch hat meine Überzeugung zu diesem Thema so gefestigt, dass ich seitdem mehr oder weniger versuche, auch meine Umgebung dafür zu begeistern. Beispielsweise bietet die WBS TRAINING AG ihren Mitarbeitern oder Partnern Essen auf Firmenkosten nur noch rein fleischlos an. Wer Fleisch möchte, muss dafür selbst bezahlen. Da mache ich auch keinen Unterschied, ob es Biofleisch ist, denn auch dieses muss geschlachtet werden. Wenn ich irgendwo eingeladen werde, wo es nur Fleisch gibt, dann sage ich heute, dass ich das nicht möchte. Damit bin ich inzwischen konsequent. Wer sich darauf nicht einstellen kann, muss auf meine Präsenz erzichten.
Schauen Sie sich nur einmal an, was bei Buffets an Fleisch weggeworfen wird. Da werden eine Menge Tiere geschlachtet, um anschließend auf dem Müll zu landen. Das betrachte ich als unethisch und uns Menschen als unwürdig. Auf diese Weise dürfen wir nicht weitermachen.

In den vergangenen Jahren haben Sie eine persönliche Kehrtwende als Unternehmer hingelegt. Können Sie das etwas erläutern?

HEINRICH KRONBICHLER: Die Kehrtwende geht nicht auf einen singulären Vorgang zurück, sondern war eine Entwicklung, die sich über Jahre erstreckte. Als dreifacher Großvater stellte sich bei mir irgendwann ein Grübeln ein. Die Kinder von heute werden längst nicht mehr so unterdrückt erzogen wie meine Generation und sie hinterfragen so ziemlich alles. Ich möchte nicht irgendwann von meinen Enkeln gefragt werden, warum ich nichts gegen die schlechte Verfassung der Erde unternommen habe.

Sie sind Vereinsmitglied der Bewegung Gemeinwohl-Ökonomie, die im Englischen auch als Ecogood bekannt ist. Was steckt hinter der Organisation?

HEINRICH KRONBICHLER: Hinter der Gemeinwohl-Ökonomie steckt ein Bewusstseinswandel, eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem aktuellen Wirtschaftsleben und der Einführung eines auf nachhaltigen ökologischen und sozialen Werten basierenden Wirtschaftssystems. Unsere Marktwirtschaft – schneller, größer, effektiver – wird langfristig so nicht funktionieren können.
Diese Erkenntnisse möchte ich mit meinen Mitarbeitern teilen und meinen Beitrag für eine nachhaltige Art des Wirtschaftens leisten.
Mit meinem Verhalten als Unternehmer möchte ich niemandem schaden. Vielmehr noch ist es mir wichtig, für alle – für meine Mitarbeiter, für meine Lieferanten, für meine Kunden und auch für mich – eine Win-Win-Situation zu schaffen. Für künftige Geschäftsentscheidungen lautet mein Motto: Entweder Win-Win oder kein Geschäft.
Ein weiteres interessantes Thema ist der Einkauf: Mein Unternehmen verwendet beispielsweise kein blütenweißes Papier, sondern ausschließlich Recyclingpapier. Es geht mir darum, sich immer darüber bewusst zu sein, dass man mit dem, was man einkauft, immer auch die Welt ein Stück mitgestaltet.
Es ist doch prima, wenn die Mitarbeiter in ihrer Arbeit erfolgreich sind, denn davon profitiere ich als Unternehmer auch. Ich finde es herrlich, mündige Mitarbeiter zu haben. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist Vertrauen zu den Mitarbeitern zu haben. Nur auf einer von Vertrauen geprägten Unternehmenskultur kann man loslassen und delegieren und sich auch mal persönlich eine Auszeit gönnen. Dabei dürfen von meinen Mitarbeitern auch Fehler gemacht werden, wenn anschließend aus ihnen gelernt wird. Als Unternehmer sollte man Erfolge auch An.deren, vor allem den Mitarbeitern, zugestehen. Seinen eigenen Erfolg kann man auch anders definieren, wenn das große Ganze floriert.

Können Sie mit Ihren Erfahrungen an.deren Unternehmern die Einführung der Gemeinwohl-Bilanz empfehlen?

HEINRICH KRONBICHLER: Jeder Unternehmer, der sich dem verpflichtet, leistet einen positiven Beitrag zur Evolution unserer Gesellschaft. Wäre es befriedigend, wenn ich am Ende meines Lebens sagen würde: Mein Konto ist voll, aber ich habe Vieles zerstört? Man sollte sich einfach selbst Fragen stellen, wie z.B.: Brauche ich jetzt die dritte Villa um glücklich zu sein? Oder sollte ich versuchen, die Welt ein Stück zu verbessern? Diese Gedanken sollte sich jeder machen. Das bereichert.

Welche nachhaltigen Projekte haben Sie seitdem auf den Weg gebracht?

HEINRICH KRONBICHLER: In der WBS TRAINING AG habe ich zum Beispiel kürzlich 600.000 Euro in energiesparende LED -Lampen investiert. Unsere gesamte Beleuchtung ist somit auf einen maximal energiesparenden Stand gebracht worden. Mir ist es auch wichtig, ständig das Bewusstsein für ein ökologisch und sozial nachhaltiges Handeln bei meinen Mitarbeitern zu fördern. Im letzten Jahr habe ich im Unternehmen eine Spendenaktion initiiert, bei der jeder Mitarbeiter die Wahl über sein Spendenbudget nach folgendem Modell selbst hatte: Jeder konnte wählen, ob er 300 Euro erhält, um diese für einen gemeinnützigen Zweck seiner Wahl, jedoch unter Zusammenlegen mit den Spendensummen anderer Kollegen, zu spenden. Diese Summe konnte auf 500 Euro erhöht wer.den, wenn der Mitarbeiter sich zu ehren.amtlicher gemeinnütziger Arbeit bereit erklärt hat. Es konnte aber auch gewählt werden, sich 150 Euro mit dem Gehalt selbst auszuzahlen ohne Zweckbindung. Diese Wahloptionen haben nicht nur Begeisterung und eine hohe Beteiligung unter den Mitarbeitern hervorgerufen, sondern es entstanden auch viele informelle Gespräche zu den nachhaltigen Projekten der Spendenvorschläge. So wurde eine Auseinandersetzung untereinander zu den Spendenzwecken bewirkt – ein nachhaltiger Erfolg im wahrsten Sinne des Wortes.

Wie sollte ein Privatanleger aus Ihrer Sicht heute investieren?

HEINRICH KRONBICHLER: Ich würde zum Beispiel keinesfalls mein Geld bei nicht nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen, wie bei Waffenproduzenten anlegen. Das ist für mich unethisch. Außerdem bin ich persönlich aus der Zinswirtschaft ausgestiegen. Dies ist heutzutage nicht schwierig, da es ohne.hin zur Zeit kaum Zinsen gibt. Meine Entscheidung basiert jedoch auf meiner grundsätzlichen Ablehnung, auf Geld Zinsen zu erhalten. Bei mir kann man Geld ohne Zinsen leihen. Ich persönlich werde keine Zinserträge mehr mit Geld erwirtschaften. Wenn ich selbst Gewinne aus meinem Unternehmen er wirtschafte, so investiere ich sie wieder in ethische Projekte.

Welche Zukunftspläne haben Sie, nachdem Sie bereits ein Bio-Hotel in Berlin und ein einzigartiges Öko- und Sozialprojekt in der Oberlausitz besitzen?

HEINRICH KRONBICHLER: Irgendwann wurde mir klar, Arthur Schopenhauer hat Recht mit seiner Aussage: „Das Geld gleicht dem Seewasser. Je mehr davon getrunken wird, desto durstiger wird der Trinker.“ Ich habe mich daher dazu entschlossen, nicht noch eine weitere Wohnung oder ein weiteres Haus zu kaufen, sondern mein Geld fließt in Zukunft in Projekte, welche mehr Bewusstsein in der Welt fördern sollen. Ich möchte mitarbeiten an der Evolution, diese mitgestalten und werde dafür noch mehr ethische immaterielle wie auch finanzielle Beiträge zur Verfügung stellen.

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Foto: Christoph Michaelis

HEINRICH KRONBICHLER
Der mit seiner Familie in Berlin wohnhafte Österreicher gilt als Vorreiter der Gemeinwohl-Ökonomie. Den Wirtschafts- und Bildungsservice WBS, den er vom Klett Verlag kaufte, wandelte er zu einem mittelständischen Unternehmen auf Expansionskurs mit 170 Niederlassungen und 900 Mitarbeitern um. In Berlin betreibt er das vegan.vegetarische Bio-Hotel Essentis, das nach seinen ethischen Vorstellungen wirtschaftet.

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