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Bedrohte Paradiese

Foto: Christian Euler

Eine Kreuzfahrt durch Mikronesien führt zu Inseln, die zuvor noch kein anderer Kreuzfahrturlauber gesehen hat. Gleichzeitig öffnet sie die Augen für die Zukunftssorgen ihrer Bewohner.

Es ist eine Szenerie wie in einem Hochglanz-Reisemagazin, als die „Silver Discoverer“ am frühen Abend die samoanische Hauptstadt Apia in Richtung Mikronesien verlässt. Die Sonne scheint vom blauen Firmament, auf der Kommandobrücke steht mit Margrith „Maggie“ Ettlin eine von weltweit nur sechs Kreuzfahrt-Kapitäninnen. Knapp 3.700 nautische Seemeilen, umgerechnet rund 6.800 Kilometer, durch sieben Südsee-Staaten wird die Schweizerin das Schiff lotsen.

„Unspoilt Islands of the Pacific“ lautet der Leitspruch dieser Reise. Im Vordergrund steht die Erkundung der exotischsten und unberührtesten Inseln Mikronesiens und Melanesiens – Archipele, die auf Weltkarten nur dann erkennbar sind, wenn der Maßstab stark vergrößert wird.

Fotos: Christian Euler

Dank des geringen Tiefgangs der „Silver Discoverer“ ist es möglich, die winzigen Inseln viel näher als üblich anzusteuern. Die Anlandung selbst erledigen Zodiac- Schlauchboote. Das Schiff ist 1989 unter dem Namen „Oceanic Grace“ für den japanischen Kreuzfahrtmarkt vom Stapel gelaufen. Wasserrutschen und Hochseeklettergärten sucht man auf diesem nur 103 Meter langen und 15,5 Meter breiten Schiff vergeblich.

110 Besatzungsmitglieder aus 22 Nationen kümmern sich um die Gäste – genug, um ein luxuriöses Ambiente zu schaffen. So kann den Room-Service mit Butler nutzen, wer zwischen den Landgängen seine zwar als „Suite“ bezeichnete, mit 16 Quadratmetern aber normal große Kabine nicht verlassen möchte. „The Restaurant“ lockt mit gehobener Küche im Innern des Schiffes, während man in „The Grill“ auf Deck unter freiem Südsee-Sternenhimmel speist. Ein wenig darf man hier sogar selbst zum Abendessen beitragen, wenn man die Zutaten auf 400 Grad heißen Vulkansteinen direkt am Tisch brutzelt. Zur Auswahl stehen frische Meeresfrüchte wie Mahi Mahi, Thunfisch oder Garnelen. Fleischliebhaber kommen mit New York Strip Steak, australischem Lamm oder Filet Mignon auf ihre Kosten.

Große Gastfreundschaft
Wer sich in Sachen Essen unsicher ist, lässt sich von Dalila Roglieri beraten. Die junge Italienerin ist als Ernährungsexpertin an Bord und erstellt die täglich wechselnden Wellness-Dinner. Auf ihrer Speisekarte stehen auch gleich die Nährwerte. Ob kalte Avocado-Suppe mit Limonensaft, Gurken-Mojito oder Erdbeer-Daiquiri – Dalilas Fantasie kennt kaum Grenzen.

So exotisch jeder einzelne der Ausflüge auch ist, so sehr gleichen sie sich – und bleiben doch lange in Erinnerung: hinreißende Zeremonien, Gesangs- und Tanzvorführungen, die unentbehrliche Blumenkette und manchmal ein Händedruck vom Dorfältesten persönlich. Die bemerkenswerte Gastfreundschaft scheint das Rezept der Insulaner zu sein, um die absolute Abgeschiedenheit in den unermesslichen Weiten des Stillen Ozeans zu bewältigen.

Pingelap, ein Atoll in Mikronesien mit Lagune und Korallenriffen, kommt dem Klischee einer unberührten Robinson-Insel mit türkisblauem Wasser zumindest auf den ersten Blick verblüffend nah. Doch ein Blick hinter die Kulissen zeigt die Realität: Viele Hütten haben nicht einmal Wände. Als „Insel der Farbenblinden“ hat der britische Neurologe Oliver Sacks Pingelap bezeichnet, weil dort jeder Zehnte die Welt nur in Schwarz-Weiß sieht. Ein erschreckend hoher Anteil: In den Staaten der westlichen Welt leidet nur ein Neugeborener unter 30.000 an diesem als Achromatopsie bezeichneten Gendefekt.

Anderntags erreichen wir Ailinglaplap, ein 43 Kilometer langes Atoll der Marshallinseln. Bouj, das kleine dazugehörende Inselchen, wurde bislang noch nie von einem Kreuzfahrtschiff angesteuert. Nur gut 100 Menschen leben hier, wo Hotels oder Restaurants Fremdwörter sind.

Den Elementen ausgeliefert
Nicht alle Inseln inmitten des Pazifiks verkörpern die geradezu klischeehaft einsamen Eilande mit Puderzuckerstränden. Vor Majuro etwa, der Hauptstadt der Marshallinseln, ankern dutzende Schiffe, während sich etliche verrostete Autowracks über die Insel verteilen. Unter Wasser bedrohen Schiffswracks aus dem Zweiten Weltkrieg das fragile Ökosystem. Nur gut 800 Kilometer entfernt liegt das Bikini-Atoll, wo am 30. Juni 1946 die erste amerikanische Atombombe in der Südsee gezündet wurde.

Andere Teile des Südsee-Paradieses drohen durch den Klimawandel förmlich unterzugehen. Rund 80.000 Menschen bewohnen die 33 Atolle des Inselstaates Kiribati (ausgesprochen: „Kiribas“), von denen keines mehr als drei Meter über die Wasseroberfläche hinausragt. Hält man sich vor Augen, dass die Klimaforscher einen Anstieg der Weltmeere zwischen 52 bis 130 Zentimetern in den kommenden 80 Jahren voraussagen, kann man die Sorgen der Insulaner nachvollziehen. Manchen Prognosen zufolge könnte Kiribati bereits im Jahr 2060 vollkommen vom Meer überspült sein. Grund genug für die Regierung, mit dem benachbarten Inselstaat Fidschi über die Möglichkeit zu sprechen, dort viel Land zu kaufen, um einen Teil der Bevölkerung umzusiedeln.

„Wenn das Wasser im Zuge des Klimawandels weiter steigt, können wir nirgendwo hin“, fürchtet die Inselbewohnerin Sally während der Fahrt über Tarawa, das Hauptatoll der Republik Kiribati, „wir sind dann den Elementen ausgeliefert.“ Das Haus, in dem ihre Eltern zur Schule gingen, ist heute bereits zerstört, weil es bei Flut unter Wasser steht.

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