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Mythos ohne Mütze

Fotos: Porsche / Derivate Magazin

Im Porsche 911 Carrera S Cabrio lässt sich die Leichtigkeit des Offenseins auf besonders angenehme Weise zelebrieren. Doch auch geschlossen bietet der Wagen Fahrspaß pur.

Für Puristen kam es einem Sakrileg gleich, als Porsche den 911er mit Turbolader versah. Der Abschied vom Sauger war für Viele undenkbar. „Wir hatten unsere Grenzen erreicht“, hieß es dazu aus der Porsche-Entwicklungsabteilung. Mehr Leistung, so die Zuffenhausener Ingenieure, ließe sich aus dem bisherigen Antriebskonzept nur durch höhere Drehzahlen und größeren Hubraum herauskitzeln – doch das hätte einen steigenden Spritverbrauch bedeutet. „Daher gab es keine andere Lösung als den Turbo.“

Dessen Sprit-Durst sparsam zu nennen, wäre indes vermessen. Auf dem Papier konsumiert das 420 Pferde starke Spitzenmodell 911 Carrera S Cabrio mit 7,8 Litern je 100 Kilometer im Drittelmix rund ein Liter weniger als sein Vorgänger. In der Praxis ist das allerdings nur mit einer Fahrweise zu schaffen, die die Tour im Porsche zum Asphalt-Ritt mit angezogener Spaßbremse ohne Klimaanlage und Radio degradiert. Standesgemäß bewegt, schluckt der Wagen im Schnitt zwischen 12 und 13 Litern. Wer allzu forsch das Gaspedal tritt, kommt weit über die 15-Liter-Marke.

Rund vier Sekunden benötigt der Carrera S Cabrio mit dem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe für den Paradesprint – so schnell wie bisher kein anderes Carrera-Modell. Die virile Kraft ist permanent spürbar, der Sportler vermittelt in jeder Situation authentisch den Eindruck, weitere Kraftreserven im Heck zu bergen.

TOP

  • Herausragende Fahreigenschaften
  • Edle Verarbeitung
  • Brachiale Leistung

Flop

  • Hoher Verbrauch
  • Unübersichtlich beim Einparken
  • Hoher Anschaffungspreis

Ultimativer Powershot

Der vom 918 Spyder abgeleitete kreisrunde Mode-Schalter am Lenkrad vermittelt ein Fahrgefühl wie im Cockpit eines Rennwagens. Ohne die Hand gänzlich vom Lenkrad nehmen zu müssen, lassen sich vier Einstellungen wählen: Normal, Sport, Sport Plus sowie ein individueller Modus, mit dem sich der Porsche-Pilot seine Wunschdynamik nach eigenem Gusto einrichten kann. Schon in Position S (für Sport) mutet beim Überholen das gefürchtete Turbo-Loch wie ein allzu antiquierter Begriff aus grauer Vorzeit an. Im Sport Plus-Modus spricht der Bolide noch direkter an: Giftig reagiert der Elfer auf die zarteste Berührung des Gaspedals, während das Active Suspension Management für noch direkteren Straßenkontakt sorgt.

Den ultimativen Powershot liefert der Response Button in der Mitte des Mode-Schalters. Er trimmt den gesamten Antriebsstrang 20 Sekunden lang auf höchste Beschleunigung und lässt so den 911er zur Asphalt-Rakete mutieren. Der stramme Vortrieb drückt den Piloten tief in die straff anliegenden Schalensitze. Schade, dass die Drittelminute so schnell vorbei ist. Schwangere oder Herz-Kreislauf-Kranke sollten diesem Spektakel lieber vom Straßenrand aus zusehen.

Auf der Autobahn spurt das 911 Cabriolet tadellos geradeaus, in Kurven fährt es wie auf Schienen. Kein lästiges Eintauchen des Vorderwagens, auch kaum Seitenneigung in schnell durcheilten Kurven. Zudem ist immer Verlass auf die serienmäßigen Aluminium-Monobloc-Festsattelbremsen, die beherzt zupacken, wenn es brenzlig wird. Als höchst komfortabel erweist sich – egal wie kühn der Spross der Zuffenhausener Edelschmiede bewegt wird – das hervorragende Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe (PDK), das den Gangwechsel ohne Zugkraftunterbrechung ermöglicht.

 

 

Porsche 911 Carrera S Cabrio:

Schaltgetriebe PDK
Leistung 309 kW (420 PS) bei 6.500 U/min 309 kW (420 PS) bei 6.500 U/min
Beschleunigung 0 – 100 km/h 4,5 s 4,3 s (4,1 s mit Sport Chrono Paket)
Höchstgeschwindigkeit 306 km/h 304 km/h
Kraftstoffverbrauch/Emissionen* (kombiniert in l/100 km) 8,8 7,8
CO2-Emission (kombiniert in g/km) 202 178
Preis Ab EUR 123.856,00 inkl. MwSt. Ab EUR 127.366,50 inkl. MwSt.

Nur der Nackenföhn fehlt

Die Stoff-Kapuze lässt bei geschlossenem Fahren kaum mehr Windgeräusche zu als ihre blechernen Pendants. Bei ausgefahrenem Windschott – auf Knopfdruck in wenigen Sekunden bewerkstelligt – und hochgestellten Seitenscheiben dringt fast kein Windhauch mehr ins Innere. Fehlt eigentlich nur noch der bei der ebenfalls in Stuttgart beheimateten Konkurrenz mit dem Stern verbaute Nackenfön.

Oben ohne lässt sich die Fahrt bis knapp 200 Stundenkilomater genießen. Richtig zugig wird es, wenn man ans Limit geht – das freilich erst bei knapp über der 300 km/h-Marke erreicht ist. Richtig Spaß macht das offene Fahren ohnehin erst beim entspannten Dahingleiten – zumal sich dann ganz in Ruhe das neue Porsche Communication Management ausprobieren lässt. Das Infotainment-System lässt sich kinderleicht per Touch-Funktion bedienen. Gut, dass der sieben Zoll große Bildschirm mit einer Annäherungssensorik ausgestattet ist, denn damit lassen sich hässliche Fingerabdrücke auf dem hochwertigen Display vermeiden.

Die Karosserie beim neuen Modell ist zwar um einen Zentimeter abgesenkt worden, dafür lässt sich der neue Elfer aber auf Knopfdruck an der Vorderachse über ein hydraulisches Hebesystem um vier Zentimeter anheben. Rückwärts ausparken mit geschlossenem Dach bleibt indes weiter eine Kunst. Das aufgezogene Verdeck verschluckt fast alles, was hinter dem 911 steht. Wer unschöne Kratzer vermeiden will, sollte sich den optionalen Parkassistenten vorne und hinten mit Rückfahrkamera für zusätzliche 1.011,50 Euro leisten.

Fazit

Ob gezähmt-stilvolles Cruisen oder ungezügelte Renn-Lust. Der 911 Carrera S Cabrio steht in allen Bereichen für souveränen Fahrspaß. Porsche hat ein weiteres Kapitel am Mythos 911 geschrieben. Günstig ist das pure Fahrvergnügen leider nicht. Mindestens 110.766 Euro zuzüglich Fußmatten sind für den 911 Carrera S Cabrio anzulegen. Die Aufpreis-Liste ist lang – unser Testwagen kostete gut 150.000 Euro.

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