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„Palazzo“-Jubiläum und die Kreation des „Kindergeburtstags für Erwachsene“

Fotos: Palazzo

In diesem Jahr geht das Restauranttheater Palazzo in Berlin bereits in die 10. Saison. Vor dem Jubiläumsgastspiel sprach das Derivate Magazin mit dem Erlebnis-Gastronomen Hans-Peter Wodarz.

Wann ist eigentlich die Idee, das Konzept entstanden, Entertainment, Varieté und große Küche zusammenzubringen?
Hans-Peter Wodarz: Eigentlich schon im Jahr 1975, als ich die „Ente im Lehel“ in München eröffnete. Damals kamen immer nach 22 Uhr Gäste zu mir, die Konfetti im Haar hatten. Sehr schnell habe ich dann erfahren, dass André Heller und Bernhard Paul das erste Mal den Circus Roncalli in München präsentierten. Mir fiel damals sofort auf, dass die Gäste mit einem unglaublichen Happy-Gefühl zu mir zum Essen kamen. Sie blieben bis 2 Uhr morgens und wenn Leute glücklich sind, trinken sie gern auch eine Flasche mehr.
Wie waren die Anfänge?

Hans-Peter Wodarz: 1976 haben wir mit sieben Leuten das „Committee 2000“ gegründet. Das waren sechs meiner Gäste aus der „Ente im Lehel“ in München. Wir wollten uns mit dem Committee schon sehr früh auf die weltweiten Feiern zur Jahrtausendwende vorbereiten und haben damals zum Beispiel einen Computer-Kalender hergestellt, auf dem man ablesen konnte, wie viele Tage es noch bis zum Millenium sind. Der Computer machte allerdings einen Fehler und unser Freund Joseph Beuys korrigierte diesen Fehler mit der Bemerkung „Ich habe es euch schon immer gesagt, verlasst euch nicht auf Computer“ und signierte 2000 Exemplare. Es ging auch darum, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie das Leben im Jahr 2000 aussehen wird, in all seinen Facetten. Andy Warhol war von dieser Idee so begeistert, dass er eine Grafik mit drei Champagnergläsern in einer Auflage von 2000 Stück schuf und diese 2000 Kunstwerke signierte. Bei der Pressekonferenz mit Warhol fragte der SZ-Redakteur Robert Leicht mich damals: „Sie sind ja der einzige Koch und Gastronom im Committee 2000. Wie wird eigentlich ihr Restaurant im Jahr 2000 aussehen?“ Ich antwortete ihm spontan:

„Wenn ein Gast bei mir im Jahr 2000 eine Tomatensuppe bestellt, servieren meine Kellner in roten Jacken. Das Restaurant erstrahlt in rotem Licht und ein Künstler jongliert dabei mit roten Tomaten – eine Vision von Kulinarik und Entertainment, das Ansprechen aller Sinne.“

Danach habe ich an einem Konzept gefeilt und die Idee weiter im Detail  vorangebracht.
Ab 1985 fing ich dann einmal im Monat mit dem kulinarischen Varieté im Restaurant Ente in Wiesbaden an. Das war auch als eine Art Gegenbewegung gedacht, weil es Mitte der 1980iger Jahre für meinen Geschmack zu ruhig in deutschen Spitzenrestaurants wurde. Die Kritiker schrieben zu dieser Zeit von „Soufflés zum Anbeten“, „Saucen, zum Niederknien“ usw. Die Gäste haben das dann so verstanden, dass man sich nur auf das Essen zu konzentrieren hat. An vielen Tischen wurde geschwiegen und die Besucher kamen sich wie in einem Tempel vor. Die deutsche Zunge lernte laufen. Die fröhliche Atmosphäre wie in Restaurants in Frankreich oder Italien war nicht da.

Ich hab mir dann Opernsänger aus dem Staatstheater geholt. Bei mir wurde gesungen oder auch Gedichte rezitiert. Und die Gäste applaudierten plötzlich, es wurde gelacht.

Das Schweigen der Schlemmer war vorbei.

Was passierte in den diversen Shows?

Hans-Peter Wodarz: Eigentlich alles aus dem Unterhaltungsbereich. Wir haben den Circus Roncalli, Varieté, Travestie, Comediens, Stars wie Astor Piazzolla, Entertainer wie Harald Juhnke oder das Crazy Horse Ballet aus Paris ins Restaurant geholt. Das waren alles Highlights für sich und das Publikum war begeistert. Es handelte sich also um eine gastronomische Revolution, die ankam. Die Erlebnisgastronomie war geboren. 1988 habe ich dann in Frankfurt im Circus Roncalli Bernhard Paul kennengelernt und in die Ente eingeladen. Ich erzählte ihm von meiner Idee. Bernhard Paul hatte gerade ein Spiegelzelt gekauft und wir gingen mit „Panem et Circenses“ 1990 in München auf Tournee. Der Chef de Cuisine war übrigens Alfons Schubeck. Jeden Abend Kindergeburtstag für Erwachsene.

An welche unvergessliche Abende mit prominenten Persönlichkeiten erinnern Sie sich?

Hans-Peter Wodarz: Unzählige, da könnte ich Bücher füllen. Wer in diesen 40 Jahren in den Entenrestaurants und in den Spiegelzelten „Pomp Duck and Circumstance“ und „Palazzo“ zu Gast war, war einfach unglaublich. Schöne Erlebnisse hatte ich zum Beispiel immer mit Curd Jürgens und Roman Polanski. Sie waren mehrmals bei mir. Über kulinarisch kultivierte Gäste wie Isabella Rossellini und Soraya habe ich mich immer gefreut. Große Abende mit Heinz Rühmann, Leni Riefenstahl, Charlton Heston, Burt Lancaster, Peter Ustinov werde ich nie vergessen. Auch Politiker wie Walter Scheel, Willy Brandt, Helmut Kohl, Richard Nixon und sogar Donald Trump waren schon bei mir.

Was reizt Sie an Berlin?

Hans-Peter Wodarz: Berlin erfindet sich ständig neu. Und in Berlin wurde noch nie so gut gekocht und gegessen wie zur heutigen Zeit.

Berlin ist mit Abstand die attraktivste Stadt in Deutschland mit weltweiter Strahlkraft. Wir haben eine Hochkultur der Spitzenklasse, eine freie Szene, Subkultur, Kleinkunst und eine unglaubliche internationale kulinarische Vielfalt sowie eine sensationelle Clubkultur. Und natürlich auch eine grossartige Sternegastronomie.

Warum hat Berlin noch kein 3-Sterne-Restaurant?

Hans-Peter Wodarz: Das ist schon absehbar, sehr bald. Ich hoffe, schon am Jahresende.

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