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Trip in die weiße Unendlichkeit

Foto: Hapag-Lloyd Cruises

Gewaltige Gletscher, ehrfurchtgebietende Eisberge und leuchtendes Eis: Eine Kreuzfahrt in die Antarktis ist ein unvergessliches Abenteuer.

Es ist eine Reise, die anders ist. Anders als all die Fahrten und Flüge zu den üblichen Zielen touristischer Sehnsucht. Es ist eine Reise ans Ende der Welt, die sich nur wenige gönnen. Nicht einmal 37.000 Menschen pro Jahr besuchen die Antarktis. An Bord der MS Hanseatic lässt sich der siebte Kontinent besonders angenehm entdecken. Das Schiff der Hapag-Lloyd-Gruppe ist weltweit das einzige Fünfsterneschiff, das mit der höchsten Eisklasse für Passagierschiffe ausgezeichnet wurde. „Die Hanseatic ist ein Expeditionsschiff“, betont Kapitän Thilo Natke einen weiteren wichtigen Unterschied zu herkömmlichen Kreuzfahrtschiffen. Denn neben dem eisverstärkten Rumpf machen sogenannte Zodiacs, kleine wendige Schlauchboote, Anlandungen auch in kleinsten Buchten möglich, die für die meisten anderen Kreuzfahrtschiffe tabu sind. Zum hohen Niveau passt, dass gleich fünf erfahrene Lektoren die Geheimnisse der Antarktis entschlüsseln: Vom Leben in der Tiefsee bis zum Kreuz des Südens im nächtlichen Sternenhimmel.

Fotos: Christian Euler, Hapag-Lloyd Cruises

Maximal 175 Gäste lassen die Reise auf dem mit 120 Meter vergleichsweise kurzen Kreuzfahrtschiff fast zum familiären Ereignis werden. Schnell kommt man ins Gespräch und erfährt, dass das Gros der Kreuzfahrer aus Deutschland kommt. Auch einige Schweizer und Österreicher sind an Bord. Fast alle von ihnen kennen die ganze Welt – fast, denn nun wollen sie ihre Erfahrungen mit der Reise ins ewige Eis krönen. Der an den von Peter O’Toole verkörperten Lawrence von Arabien erinnernde Deutsch-Amerikaner am Nachbartisch ist so begeistert, dass er mit seiner Frau bereits zum dritten Mal Kurs auf die Antarktische Halbinsel nimmt. Das verwundert wenig, denn die Hanseatic gleicht einem schwimmenden Luxushotel. Kabinen-Stewardess Jessica liest den Gästen jeden Wunsch von den Augen ab und bringt die Zimmer gleich zweimal täglich in Top-Zustand. Bestens geschult und höchst engagiert präsentiert sich auch die Restaurantcrew. Kein Glas bleibt ungefüllt, kein leerer Teller steht länger als eine Minute auf dem Tisch.

Kreative Kochkunst an Bord

Die ausgefallenen Küchen-Kreationen kitzeln die Gaumen der Kreuzfahrer Tag für Tag aufs Neue. Menüs mit sechs Gängen sind an der Tagesordnung. Zum Shackleton-Abendessen werden unter anderem Safran-Geleetürmchen von Flusskrebsen, Lychee-Sorbet und feiner Rehpfeffer mit Wildpreiselbeeren und kleinem Schwammerlknödel gereicht. Allmorgendlich verführt ein bestens bestücktes Frühstücksbuffet zum frühen Schlemmen.

Diverse frisch zubereitete Eierspeisen, warme Süßigkeiten und selbst Steaks vom Grill verdrängen schnell jeglichen Gedanken an einen straffen Bauch. Wer – etwa wegen des teils hohen Wellengangs – hin und wieder in der Kabine bleiben mag, kann sich dort ganz privat kulinarisch verwöhnen lassen.

Pünktlich legt die Hanseatic in Ushuaia an der Südspitze Argentiniens ab und erreicht zwei Tage später die Nordwestküste der Falklandinseln. Die baumlose hügelige Landschaft gleicht einer eigentümlichen Mischung zwischen Irland und Schottland, mit mehr Brauntönen als Sattgrün. Einen Tag später geht die kleine Reisegruppe in Stanley, der Hauptstadt des rund zweihundert Inseln umfassenden Falkland-Archipels, vor Anker. Heftige, kalte Winde treiben nach zwei Stunden Stadtrundgang in einen typisch britischen Pub. „Auf unseren Sieg gegen Argentinien“, sagt Barkeeper Kenneth, als er ein frisch gezapftes Guinness mit Fish and Chips serviert. Worauf er anspielt, sind aber nicht etwa englische Elitekicker. Es ist vielmehr sein Stolz, Teil des fernen Großbritannien zu sein. Ein Gefühl, das er offenbar mit den meisten Falkländern teilt, wie gleich mehrere Denkmäler des von nur 2.000 Menschen bewohnten Hauptstädtchens bezeugen, die an die „Befreiung“ Falklands im Jahr 1982 erinnern, als Argentinien die Inselgruppe „unter seine Fittiche“ nehmen wollte.

Die Rache des Poseidon

Begleitet von majestätischen Albatrossen erreicht die Hanseatic nach der Fahrt über eines der rauesten Meere der Welt zwei Seetage und 800 Seemeilen später Südgeorgien. Lektor Ulrich Erfurth zeigt ebenso amüsant wie authentisch, wie man sich allzu aufdringliche Robben vom Halse hält: Es klingt wie ein tiefes Gurgeln, gemischt mit lautem Schnäuzen. Flüchten ist zwecklos, weiß Erfurth aus Erfahrung, denn die meist träge daliegenden Tiere sind im Bedarfsfall schneller als Menschen. Mehrere Zodiac-Anlandungen führen mitten hinein in eine der kostbarsten Tierwelt-Oasen auf unserer Erde. Riesige Kolonien von Königs- und Goldschopfpinguinen belagern die Strände. Der erste Nachwuchs erblickt gerade das Licht der Welt.

Am zehnten Reisetag überschreitet das Grand Hotel auf See kurz vor den Süd Orkney Inseln den 60. Breitengrad und damit die geographische Grenze der Antarktis. Tags darauf frischt der Wind kurz vor Elephant Island, der nordöstlichsten Insel der Südshetland-Gruppe, mit einzelnen Böen von fast 100 Knoten auf, das sind umgerechnet schnittige 185 Stundenkilometer. Glücklicherweise bläst er nicht von der Seite, sondern von Achtern, wie Seeleute die Rückseite des Schiffs bezeichnen. Dennoch kommt es zur „Rache des Poseidon“, wie es der rheinland-pfälzische Tischnachbar anderntags beim Frühstück treffend auf den Punkt bringt. Er erzählt, wie eine unerwartete Zehnmeterwelle die Hanseatic kurzzeitig so stark in Schräglage brachte, dass sämtliche Tischgarnituren vom Tisch gefegt wurden – eine Viertelstunde vor Beginn des Abendessens.

Die Fahrt führt allmählich in eine weiße Wüste. Eisberge, Kathedralen von majestätischer Schönheit, bergen eine eigentümliche, entrückte Melancholie. Man kann sich nicht satt sehen an diesen türkisfarbenen und bisweilen sogar rötlich schimmernden Monumenten des ewigen Winters. Am Abend geht ein Raunen durch die Menge, als Kapitän Thilo Natke sein Schiff an einer spektakulären, an einen gewaltigen Torbogen erinnernden Eisformation vorbeischleust.

Gletscher und weiße Unendlichkeit

Am zwölften Reisetag ist es endlich so weit: Die Hanseatic erreicht Brown Bluff, den nordöstlichen Ausläufer der Antarktischen Halbinsel. Nach der Anlandung mit dem Schlauchboot sind es nur zwei Schritte im ein Grad kalten Wasser und man betritt das antarktische Festland, begrüßt von tausenden Eselspinguinen. Zwei Tage und einige Zodiac-Anlandungen sowie die spektakuläre Einfahrt durch „Neptuns Blasebalg“ später gleitet die Hanseatic langsam in die Paradiesbucht.

Am Horizont schneebedeckte Berge und Gletscher, eins werdend mit den tief hängenden Wolken. Die weiße Unendlichkeit verführt auf ihre ganz besondere, magische Weise. Vergessen geglaubte Erinnerungen steigen auf. Auf dem Weg zurück steht die Fahrt durch die berüchtigte Drake-Passage bevor, die zu den stürmischsten Gewässern dieses Planeten zählt. Doch dieses Mal zeigt sich Poseidon gnädig und lässt die Hanseatic vergleichsweise milde schaukeln – was manchen Gast dennoch lieber in seiner Kabine bleiben lässt. Nach fast 8.000 Kilometern auf See heißt es in Ushuaia Abschied nehmen vom siebten Kontinent mit seiner fast unwirklich anmutenden landschaftlichen Schönheit, seinen atemberaubenden Eisbergen und seiner unvergleichlichen Tierwelt.

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