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Ziele erreichen – Joggen Sie noch oder laufen Sie schon?

Fotos: FCG / Shutterstock

Die Oberschenkel schmerzen, die Lunge brennt, eigentlich schmerzt der gesamte Körper. Aber der tosende Jubel der anfeuernden Zuschauer, die magische Energie und die Anziehungskraft des Mythos Marathon treiben den Läufer immer weiter an, hin zu unvorstellbaren und fast schon übermenschlichen Leistungen.

Mehrmals während des Marathons stellt sich der Läufer die Frage, warum er sich diese Qual eigentlich antut. Doch spätestens mit dem Überqueren der Ziellinie sind jegliche Schmerzen und leidvolle Qualen vergessen.

Die vielen emotionalen Erlebnisse zwischen Start- und Ziellinie rufen unbeschreibliche Glücksgefühle und grenzenlose Freude hervor. Das monatelange Training, selbst der Verzicht auf die kulinarischen Genüsse des Lebens und das Schleifenlassen der sozialen Kontakte – all das ist es plötzlich wert.

 

Sagenumworbener Lauf

Doch was treibt den Menschen eigentlich an, sich der Herausforderung Marathon zu stellen, und warum begeistern sich so viele für die Faszination Marathon? Ist es die Legende des Boten Pheidippides und seinem sagenumwobenen Lauf von Marathon nach Athen am 12. September 490 v. Chr.? Kurz nachdem er die erfolgreiche Nachricht vom Sieg der Athener über die Perser verkünden konnte, verstarb er auf dem Gipfel des Areopag infolge seiner Erschöpfung.

Statistisch gesehen hat etwas mehr als ein Prozent der deutschen Bevölkerung einen Marathon bereits erfolgreich absolviert. Wer dieser „elitären“ Minderheit angehört, kennt das sensationelle Gefühl, ein persönlich gesetztes Ziel durch monatelange Disziplin, Kontinuität und harte Arbeit erreicht zu haben.

 

Berufliche Parallelen

Die volle Fokussierung eines Läufers auf das Erreichen eines sportlich definierten Ziels weist deutliche Parallelen zum Berufsleben auf. Beispielsweise ist laut betriebswirtschaftlicher Definition ein Projekt durch seine Einmaligkeit sowie durch einen festen Start- und Endzeitpunkt gekennzeichnet. Während dieser Periode gilt der Fokus und die volle Aufmerksamkeit fast ausschließlich der Umsetzung des Projekts. Unvorhergesehene Probleme und unerwartet auftretende Störungen, welche das Projekt ernsthaft gefährden könnten, gehören auch zu einem Projektalltag. Je nach Ausmaß ist dann Flexibilität, Kreativität sowie kluges und durchdachtes Agieren des Projektmanagers gefordert, um das Projekt wieder in die richtigen Bahnen zu lenken.

Der Projektplan des Marathonis ist ein ausgeklügelter und oftmals schon nahezu wissenschaftlich fundierter, individueller Trainingsplan. Die sogenannte Deadline wäre im Business-Jargon eine sehr harte Deadline, die nicht verschoben oder angepasst werden kann. Der fix terminierte Marathon-Lauf wird definitiv stattfinden. Die beiden größten Störfaktoren in der Wettkampf-Vorbereitung sind lästige, hartnäckige Erkältungen sowie größere als auch kleinere Blessuren, welche nicht selten eine Überlastungsreaktion aufgrund zu viel gelaufener Kilometer gepaart mit einer zu geringen Regenerationszeit sind.

 

Herausforderungen der Vorbereitung

Tritt nun in der Vorbereitungsphase eines Marathons einer der Störfaktoren auf, muss der Läufer im Übrigen genauso wie der Projektmanager durchdacht und flexibel agieren, um die zwangsläufig ausgefallenen Trainingseinheiten einigermaßen kompensieren zu können und das festgelegte Ziel nicht zu gefährden. Je erfahrener der Marathoni beziehungsweise der Geschäftsmann ist, desto professioneller und entschlossener geht er mit den plötzlich aufgetretenen Herausforderungen um.

Sind Läufer nun die besseren Projektmanager? Dies wird von Experten häufig mit einem eindeutigen Ja bewertet! Denn durch die volle Fokussierung und Priorisierung, den Großteil der zur Verfügung stehenden Freizeit der monatelangen Wettkampfvorbereitung zu widmen, erlernt der Geschäftstüchtige die Fähigkeit, mit (selbst aufgebauten) Druck umzugehen und bei Problemen kreative und nachhaltige Lösungen zu finden. Die Absicht dahinter: Keine Gefährdung des großen, übergeordneten Ziels.

 

Keine Ausreden

Lauftraining, Regeneration sowie Stabilisations- und Kräftigungsübungen müssen konsequent und bewusst in den Alltag integriert werden. Schülern und Studenten erscheint dies einfacher als beispielsweise berufstätigen Familienvätern. Für diese Läufergruppe erweisen sich die mit der Marathonvorbereitung einhergehenden Herausforderungen häufig als nahezu unmöglich und erfordern größtes Organisationstalent. Nur durch das Setzen von Schwerpunkten, Disziplin und Flexibilität kann das „Projekt Marathon“ erfolgreich gemeistert werden.

Während ein Projektmanager in manchen Fällen vermag, das ursprünglich geplante Projektende durch Argumentationsvermögen und geschickte Überzeugungskünste gegenüber den Entscheidungsträgern gegebenenfalls nach hinten zu verlegen, findet der fest terminierte Marathon gnadenlos statt.

Im Extremfall könnte die gesamte Vorbereitungszeit und Arbeit ergebnislos bleiben. Das Leben eines Läufers besteht nun mal aus Höhen und Tiefen. Rückschläge und Frustrationen machen Läufer jedoch stärker und erfahrener. Aus beruflichen Niederlagen lässt sich schließlich gleichermaßen viel lernen.

 

Joggen ist nicht Laufen

Angeblich ist Laufen der Volkssport Nummer 1. Bei genauerem Hinsehen lässt sich allerdings feststellen, dass die meisten Läufer nicht laufen, sondern joggen. Das allerdings hat mit Laufen ganz und gar nichts zu tun. Joggen ist eine schnellere Forms des Gehens, ein ehemals in den USA entstandener Trend, der in den 70er Jahren nach Europa überschwappte. Schnelles Gehen wirkt durchaus positiv auf das Herz-Kreislaufsystem und ist definitiv besser, als auf dem Sofa zu liegen. Dennoch treffen die zuvor beschriebenen Szenarien und Eigenschaften nicht auf die Gruppe der Jogger zu.

 

Private und berufliche Selbstverwirklichung

Laufen ist eine komplexe, fragile Kom- position aus vielen unterschiedlichen Elementen. Es geht nicht nur um hartes Training, Disziplin und Durchhaltever- mögen, mindestens genauso wichtig ist das Achtgeben auf den eigenen Körper, die eigenen Belastungsgrenzen kennen- zulernen und zu respektieren. Der eige- ne Körper ist das Vehikel des Läufers, vergleichbar mit dem Instrument eines Musikers, welches gehegt und gep egt werden muss, um richtig zu funktionie- ren und auf Abruf Leistung zu bringen. Ernährungswissenschaftliche Aspekte spielen dabei ebenso eine elementare Rolle wie regelmäßige regenerative Maß- nahmen und Erholungszeiten.

Je länger ein Mensch das ganzheitliche Konzept des Laufens mit all seinen Facet- ten intensiv lebt und im Alltag umsetzt, desto stärker können sich dadurch seine Persönlichkeit und sein Charakter nach- haltig verändern. Die erlernte Fähigkeit, mit unvorhergesehen Störfaktoren um- zugehen, diese aktiv anzunehmen und nach adäquaten Lösungen zu suchen, hat einen positiven Ein uss auf die persön- liche Entscheidungsfähigkeit, die eigene Problemlösungskompetenz sowie die private und beru iche Selbstverwirkli- chung. Nun stellt sich also die Frage: Jog- gen Sie noch oder laufen Sie schon, um Ihre Ziele zu erreichen?

Manuel Peters 37 Jahre, verheiratet,2 Kinder, ist Education Portfolio Manager bei SAP SE in Walldorf.

Sportliche Erfolge:

  • Bestzeit auf 10 km Distanz: 33 Min. 30 Sek.
  • 4. Platz bei den Baden-Württemberg-Meisterschaften im Halbmarathon 2015 in 1:13:30
  • Finisher Jungfrau-Marathon 2014 in 3:54 (Platz 84)

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