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Große Ambitionen – Golfstaaten im Umbruch

Foto: Extreme-Photographer / iStock

Himmelstürmende Wolkenkratzer, kaum vorstellbarer Luxus und fast grenzenloser Reichtum – das ist die eine Seite der Wahrnehmung der ölreichen Staaten am Persischen Golf. Zensur, Demokratiedefizite und traditionelle Lebensweisen die andere. Zwischen diesen Polen liegt ein ökonomisches Spannungsfeld, in dem vieles, was unantastbar schien, in Bewegung geraten ist – nicht nur aufgrund endlicher Rohstoffreserven und niedriger Ölpreise. Es ist eine Entwicklung in Gang gekommen, die Unternehmen wie Anlegern Chancen eröffnet.

Jahr für Jahr das gleiche Bild – mit dem Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan verlassen etliche wohlhabende Bewohner der Golfstaaten ihre heißen Heimatländer, um die Luxussuiten der besten europäischen Hotels zu bevölkern. Dem „Ramadan Rush“ fiebern jedoch nicht nur die hitzemüden Touristen entgegen, er sorgt vor allem bei den Inhabern von Luxusboutiquen und Sternerestaurants für glänzende Augen. Gerne zeigt man, was man hat, und so ist die Londoner „Supercar Season“, während die schwerreichen Wüstenbewohner ihre auffälligen Luxuskarossen in den Straßen rund um das Kaufhaus Harrods präsentieren selbst eine Touristenattraktion für Liebhaber automobiler Extravaganz geworden.

Gigantische Ambitionen

Die Touristenströme fließen jedoch vermehrt auch in die umgekehrte Richtung: Mit 83 Millionen beförderten Passagieren im Jahr ist der Dubai International Airport heute das weltweit wichtigste Drehkreuz für internationale Flüge. Trotzdem will man weiterwachsen: Für 2017 werden fast 90 Millionen Fluggäste anvisiert. Dank einer perfekt ausgebauten Infrastruktur mit Hotels, Gastronomie, Shoppingzentren, Vergnügungsparks und zahlreichen anderen Freizeitmöglichkeiten ziehen vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate immer mehr Touristen aus europäischen, amerikanischen und anderen Ländern an. Vorläufiger Höhepunkt der Entwicklung soll die Weltausstellung Expo 2020 in Dubai sein, zu der die 2,2 Millionen Einwohner des Emirats 25 Millionen Besucher erwarten.

Mit den Petrodollars scheint jeder noch so abwegige Wunsch realisierbar zu sein. Die Größe der Ambitionen zeigt sich vielleicht am sinnfälligsten am Burj Khalifa in Dubai, dem mit 828 Metern höchsten Gebäude der Welt – das allerdings wohl bereits im nächsten Jahr vom Jeddah Tower im saudi-arabischen Dschidda enttrohnt wird, mit dem erstmals in der Geschichte der Menschheit ein Bauwerk mit einer Höhe von einem Kilometer errichtet werden soll. Rein wirtschaftliche oder auch nur praktische Erwägungen liegen diesem Wettbewerb nicht zugrunde: Es geht wohl vor allem darum, unübersehbare Symbole für die Bedeutung des jeweiligen Landes und der Region zu schaffen.

Hochgeschwindigkeitszüge, riesige Shopping Malls, neu geschaffene Lagunen und künstliche Inseln im Meer – die schiere Größe vieler Projekte beeindruckt, auch wenn einige von ihnen der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise oder einem einfachen Realitätstest zum Opfer gefallen sind. Dass man sie überhaupt begonnen hat, ist jedoch schon Ausdruck einer Zukunftsgläubigkeit und eines erfrischenden Optimismus, der so in den etablierten Gesellschaften Westeuropas selten zu finden ist.

Clevere Geschäftsleute

Das ungenierte Zurschaustellen des eigenen Reichtums mag nicht nach jedermanns Geschmack sein, man sollte sich als Betrachter davon aber auch nicht blenden lassen. Denn das Schwelgen im Luxus hat Golf-Anrainern den Blick auf die ökonomischen Realitäten keineswegs verstellt: rund um den Golf sitzen bestens ausgebildete clevere Geschäftsleute, die sich schon seit Jahrzehnten gezielt auf die Zeit nach dem Öl vorbereiten und dazu ein Netz von Investitionen auch in Deutschland und im deutschsprachigen Raum geknüpft haben: So hält das Emirat Katar unter anderem 15 Prozent an Volkswagen, knapp 18 Prozent an der Schweizer Großbank Credit Suisse sowie eine signifikante Beteiligungen an der Deutschen Bank. Kuweit wiederum ist seit langem Großaktionär bei Daimler, Abu Dhabi ist sowohl an BP als auch an einem Offshore-Windpark in Großbritannien beteiligt – die Liste ließe sich praktisch endlos fortsetzen. Brachen- oder Länderschwerpunkte sind bei den zumeist von Staatsfonds getätigten Investitionen kaum auszumachen, wenn auch wohl eine besondere Nähe zur Energie-, Automobil- und Luxusgüterindustrie besteht. Selbst Fußballvereine wie Manchester City oder Paris Saint-Germain sind wohl nicht auf Dauer nur als teures Spielzeug für sportbegeisterte Scheichs, die schon alles „haben“ gedacht, sondern sollen möglicherweise eines Tages handfeste Renditen generieren.

Big Business für die deutsche Wirtschaft

Umgekehrt hat natürlich auch die deutsche Wirtschaft die arabischen Länder fest im Blick. Zwar sind die deutschen Exporte nach Saudi-Arabien 2016 um 26 Prozent eingebrochen – wohl vor allem eine Folge der anhaltend niedrigen Ölpreise – dennoch gehen Wirtschaftsverbände davon aus, dass die Geschäfte mit dieser ökonomischen Power-Region in den nächsten Jahren weiter brummen werden. Auch die Bundesregierung setzt auf Big Business mit der arabischen Welt. Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries: „Es gibt viele gute Gründe, weshalb wir die guten Beziehungen zwischen den arabischen Ländern und uns weiter ausbauen sollten.“ Für die Ministerin stehen neben den Geschäften auch die politischen Konsequenzen des Warenaustausches im Vordergrund. Mit seinem starken Engagement wolle Deutschland diese Länder auch stabilisieren. Dass die Golfstaaten – einige von ihnen sogar absolute Monarchien – demokratische Musterstaaten oder gar ein Hort der Toleranz wären, kann man wohl kaum behaupten. Arabien-Kenner wie die deutsche Beraterin und Buchautorin Eva-Maria Popp warnen jedoch vor vorschnellen Urteilen: Im Interview mit dem Derivate Magazin (zum Interview) plädiert sie für eine
 sorgfältige und ganzheitliche Betrachtung des gesellschaftlich-kulturellen Umfelds: „Das weitet den Blick und lässt einem manche Meldung in der heimischen Presse aus einem anderem Blickwinkel lesen.“

Paradigmenwechsel birgt Chancen

Dass sie sich als (Geschäfts-)Frau bei ihren Reisen in der arabischen Welt respektiert und akzeptiert fühlt, mag den oberflächlichen Betrachter überraschen, Popp sieht auch hier den größeren Zusammenhang: Vor allem in Saudi-Arabien finde ein gesellschaftlicher Wandel statt, in dessen Rahmen auch das Frauenbild in Bewegung geraten sei. Verursacht wird dieser Wandel sicherlich vor allem vom anhaltend niedrigen Ölpreis, der sogar die unendlich scheinenden Geldreserven der Saudis an ihre Grenzen trieb und zu einem Haushaltsdefizit führte. Als Konsequenz führt Saudi-Arabien nun erstmals eine Mehrwertsteuer auf bestimmte Waren und Dienstleistungen ein – jahrzehntelang ein undenkbarer Vorgang. Treibende Kraft hinter den Reformen ist der 31-jährige Mohammed bin Salman, der erst Ende Juni 2017 zum Thronfolger ernannt wurde und in dem viele Beobachter den neuen starken Mann des Landes sehen. Zum Wandel gehört auch, dass die ausufernde Staatswirtschaft eingedämmt wird – die anstehende Privatisierungswelle kann nicht nur eine neue wirtschaftliche Dynamik in Saudi-Arabien in Gang setzen, sondern eröffnet gerade auch deutschen Firmen eine Reihe von Chancen.



Ein Beispiel dafür sind die Absichtserklärungen, die Siemens und SAP anlässlich des Staatsbesuchs von Angela Merkel im April unterzeichneten. Die beiden DAX-Konzerne sollen die Saudis bei der „digitalen industriellen Transformation“ unterstützen. Hintergrund ist das Investitionsprogramm „Vision 2030“, das Investitionen von mehr als 1 Billion Euro bis 2030 vorsieht. Der Nahe und Mittlere Osten ist auch nach Meinung von Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie und Handelskammertages, weiterhin ein sehr wichtiger Exportraum für deutsche Waren. Mit ihren Investitionen sichern deutsche Firmen dort rund 250.000 Arbeitsplätze. Insgesamt wurden in dieser Region allein im letzten Jahr Waren im Wert von fast 50 Milliarden Euro ausgeführt.



Hervorragend sind die Zukunftsaussichten aber nicht nur für die Großindustrie: Gerade für deutsche Mittelständler, davon ist Eva-Maria Popp überzeugt, bringt diese Entwicklung vor allem Chancen. Deutsches Know-how, da ist sie sich sicher, werde künftig noch deutlich stärker nachgefragt. Wie eine sich regionalen Bedürfnissen angepasste Geschäftsidee Erfolg haben kann, zeigt der Energy Drink „Muslim Power“, der in Deutschland streng nach islamischen Vorschriften her-gestellt wird. Auch eine weitere Produktlinie, ebenfalls alkoholfrei, das bierähnliche Malzgetränk „AJ – Ale & Juice“ entwickelt sich zu einem wahren Exportrenner. 



Für Anleger gibt es sicherlich genügend Gründe, um mit einem Investment selbst von den Chancen der Golfregion profitieren zu wollen. Da Direktinvestments schwierig sind, könnten Aktienfonds, ETFs und Zertifikate auf die Golfstaaten gerade für konservativere Anleger eine Möglichkeit darstellen, das eigene Portfolio mit einer dynamischen und interessanten Region zu diverfizieren.

Investments auf die Golfstaaten

Name WKN Emittent Auflage AuM in Mio. € Performance 1 Jahr Performance 3 Jahre Gesamtkostenquote Kurs
db X-trackers MSCI GCC Select Index UCITS ETF 1C A12B98 db X-trackers 05.02.2015 22,26 10,72 % 0,65 % 12,41
MERIDIO GCC&MENA OPPORTUNITIES A0LBQE Meridio Asset Management 30.03.2007 3,54 -7,71 % -23,38 % 6,15 % 49,90
Quelle: Deutsche Börse AG
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