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Nach dem anstehenden Bitcoin-Crash

Foto: cosinart / iStock
Welchen Einfluss werden Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie wirklich haben?

Von Lars Jaeger

Ein Gespenst geht um in der Finanzwelt, und diesmal ist es nicht wie vor 170 Jahren der Kommunismus, der das Establishment in Europa bedroht. Das Gespenst heute heißt „Bitcoin“, und es bedroht die etablierten Machtstrukturen in der weltweiten Finanzindustrie.

Gemeinsamkeiten mit dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels sind nicht gerade offensichtlich, denn unterdessen haben auch die stärksten Apologeten des globalen Finanzkapitalismus Bitcoin für sich entdeckt. So sind mittlerweile sogar die Investmentbanken auf den Zug mit Kryptowährungen gesprungen. Die Ähnlichkeiten liegen eher bei den Heilsversprechen, die wir von den Befürwortern der neuen digitalen Währungen hören: Umsturz des traditionell intransparenten, korruptionsanfälligen und völlig überteuerten Geschäftsmodell der Banken, mehr Demokratie in Unternehmen und im Staat, Fairness im globalen Handel, die Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit, bis hin zu einem Wohlstands-Turbo-Booster für die Ärmsten der Welt.

Doch sind es nicht politischer Idealismus oder die Aussicht auf eine gerechtere Gesellschaft, die den momentanen Hype um Bitcoin antreiben. Vielmehr ist es der gleiche Ausruf, der in demselben Jahr, in dem Marx und Engels das Kommen des Kommunismus ankündigten, aus San Francisco erscholl: „Gold! Gold! Gold from the American River!“. Es ist der Ruf des schnellen Geldes, der auch 170 Jahre nach dem kalifornischen Goldrausch nichts von seiner Wirkung verloren hat. So hat mit dem Kursanstieg von Bitcoin um das 15-Fache im vergangenen Jahr die Begeisterung für die digitale Währung schließlich auch diejenigen erreicht, die dem Geschehen in der Finanzwelt sonst eher indifferent bis distanziert gegenüberstehen. Wer kann schon ignorieren, dass hier schnell mal Millionen gescheffelt werden können? Nur dass man heute nicht mehr beschwerliche Tausende von Kilometern reisen muss, um das neue Gold zu „schürfen“, sondern nur ins Internet zu gehen braucht. „Schürfen“, so heißt es tatsächlich, wenn man mit der Rechenkraft seines eigenen Computers neue Bitcoins zu erwerben anstrebt. In China und Island gibt es bereits ganze Farmen von Bitcoin schürfenden Computern (die dafür – und dies ist ein weniger bekannter Nebeneffekt des Bitcoin-Hypes – eine Unmenge an Elektrizität verbrauchen und die globale CO2-Bilanz belasten).

Unterdessen ist aus dem Hype eine wahre Bitcoin-Manie geworden, die selbst die Ahnungslosen (und gerade die) an die völlig unregulierten und oft alles andere als transparent agierenden Bitcoin-Börsen treibt. „Die größte Spekulationsblase in der Geschichte“, beschreiben Kritiker die jüngste Kursentwicklung der Kryptowährungen. Und Bitcoin ist nur die bekannteste unter ihnen. Es gibt noch viele andere. Tatsächlich kann jeder, der will, seine oder ihre eigene digitale Währung erschaffen. Hier werden Erinnerungen an das adlige Münzprägerecht im Mittelalter wach, mit dem jeder Adlige, der dieses besaß, seine eigene Münzwährung prägen durfte. Es ist daher kein Wunder, dass bereits zahlreiche Vergleiche zur Tulpenmanie im Holland des 17. Jahrhunderts gezogen werden. Am 3. Februar 1637 betrug dort der Preis einer einzigen Tulpenzwiebel über 5.000 Gulden (in heutigen Preisen fast 100.000 Euro; zum Vergleich: der Maler Rembrandt bekam für seine Nachtwache gerade einmal 1.600 Gulden). Der Unterschied zu Bitcoins heute: Nach dem Platzen der Blase hatte man wenigstens noch eine Zwiebel, aus der eine schöne Blume wachsen konnte.

Bei Bankern und Ökonomen haben Bitcoins lange nur ein spöttisches Lächeln hervorgerufen. Die Regulationsbehörden hatten die Kryptowährung zwar im Auge, allerdings hauptsächlich, um ihre kriminellen Nutzungen einzudämmen. Denn auch diese machten 2017 weitere Schlagzeilen: Geldwäscherei, Lösegelderpressung seitens Hackern, Veruntreuung, Waffenhandel im sogenannten Darknet usw. Doch nun haben die Aufseher begonnen, auch die Mainstream-Fähigkeit von Bitcoin zu evaluieren. Man fühlt sich an die Entwicklung des Internets in den frühen 1990er Jahren erinnert, das von Bankern und Großunternehmen, traditionell eher Nachreiter technologischer Veränderungen, zunächst ebenso skeptisch beäugt wurde, bevor diese dann mit Wucht auf den Zug aufsprangen und das Internet in ihre Geschäftsmodelle integrierten. Steht Bitcoin, oder allgemeiner der Technologie, die hinter Bitcoin steckt („Blockchain“), eine ähnliche Entwicklung bevor? Oder werden die Bitcoins zu den Tulpen des 21. Jahrhunderts und nach dem Platzen ihrer Blase keine Rolle mehr in der realen Wirtschaft spielen? Denn dass die Bitcoin-Blase platzen wird, davon sind auch viele der enthusiastischsten Bitcoin-Apologeten überzeugt. Die wichtige Frage lautet jedoch: Was kommt danach? Und hier lohnt es sich, die historische Wechselwirkung des wissenschaftlichen bzw. technologischen Fortschritts mit Spekulationsblasen anzuschauen.

Die erste große technologische Revolution, auch (erste) „Industrielle Revolution“ genannt, beruhte auf der Nutzbarmachung der Dampfkraft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ökonomisch war ihr Ergebnis die Schaffung gewaltiger Vermögen, insbesondere in Form von Aktien in Eisenbahnunternehmen (die Hälfte der Unternehmen, die damals an der New Yorker Börse notiert waren, waren Eisenbahngesellschaften). Rund um diese Aktien begann sich eine gewaltige Spekulationsblase zu bilden. In England platzt diese zuerst, im Jahre 1847, in den USA dann im Jahr 1873, und dies noch bevor die Eisenbahntechnologie ihren vollen Impact als Massenprodukt entwickelt hatte. Die zweite große Technologisierungswelle basierte auf der Nutzung der Elektrizität sowie der Entwicklung des Automobils (beide hingen zusammen: elektrische Autos gehörten zu den ersten Modellen überhaupt und wurden in mehrfacher Hinsicht als ihren Konkurrenten mit Verbrennungsmotoren technisch überlegen angesehen). Wieder stieg die Begeisterung der Anleger in den Himmel und mit ihr die Aktienkurse von Elektro- und Automobilunternehmen. Das Resultat war der Crash von 1929, der bekanntlich zur schlimmsten Wirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts führte. Mit der Elektrifizierung und dem Massenmarkt für Autos erfolgte der wahre Durchbruch der Technologie im menschlichen Alltagsleben auch hier erst 25 Jahre später. Die dritte große technologische Entwicklung ist den meisten Zeitgenossen noch in bester Erinnerung: die Digitalisierung, die das Internet und mobile Kommunikation hervorbrachte. Die damit einhergehende Dotcom-Blase der 1990er platzte in den frühen 2000ern spektakulär. Dem Siegeszug des Internets und des Smartphones tat dies danach allerdings keinen Abbruch. Dazu brauchte es nun jedoch keine 25 Jahre mehr, sondern nur noch fünf bis zehn Jahre. Es erscheint, als ob aus irgendwelchen Gründen Spekulationsblasen notwendige Begleiterscheinungen bedeutender technologischer Entwicklungen sind. Und die Zeitspanne dazwischen verkürzt sich zunehmend (das heißt allerdings nicht, dass jedem Finanzcrash eine technologische Revolution vorausgeht. 2008 waren es beispielsweise eher die Derivate- und Strukturierungsgeschäfte der Banken, die dem Absturz der Aktien und Immobilien vorausgingen. Wahrhaftig neue Technologien steckten kaum dahinter, eher immer neue Ideen der Banker).

Nun stellt sich die Frage: Ist die gerade ablaufende Bitcoin-Spekulationsblase und ihr anstehendes Platzen ein solcher Vorreiter eines neuen revolutionären Technologie-Schubs? Das ist keineswegs ausgeschlossen, denn Blockchain, die Technologie, die hinter Bitcoins steckt, besitzt tatsächlich das Potenzial für einen neuen technologischen Umsturz. Er könnte eine bedeutende Gruppe zentraler Agenten in der globalen Wirtschaft ausrotten, die so genannten Intermediäre. Heute steuern intermediäre Einrichtungen wie Banken, Börsen, Notare, Buchprüfungsgesellschaften sowie zahlreiche staatliche Institutionen (z.B. Zentralbanken, Steuerbehörden und Regulatoren) einen großen Teil unseres Wirtschaftslebens. Sie garantieren eine zentrale Bedingung für den reibungslosen Ablauf jeglichen wirtschaftlichen Handelns: Vertrauen. Banken garantieren Geldvermögen, eine „Banknote“ ist ein Wertspeicher, der (zumeist) zuverlässig ist. Ein Notar garantiert die Rechtsicherheit einer vertraglichen Vereinbarung, Notenbanken, dass die Papierscheine in meiner Hand einen Wert besitzen. Staatliche Behörden sorgen dafür, dass im internationalen Bankgeschäft die Regeln eingehalten werden. Sie alle sind „Agenten des Vertrauens“. Dass aber selbst diese Agenten nicht 100 Prozent vertrauenswürdig sind und selbst in die Krise geraten können, zeigen die zahlreichen Banken- und Staatskrisen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte, die zu Hyperinflationen, Bankpleiten, Kreditkrisen, bis hin zu dysfunktionalen Staaten („failed states“) geführt haben.

Die Blockchain-Technologie ermöglicht ganz neue Möglichkeiten für Vertrauensbildung in Wirtschaft und Handel. Das wohl prominenteste Beispiel ist eine neue transparente und dezentrale Art und Weise, die zentrale Einheit des wirtschaftlichen Austauschs zu definieren: das Geld. Anstatt durch den Austausch einer staatlich regulierten Währung, finden wirtschaftliche Prozesse in dezentral verwalteten („peer-to-peer“) Netzwerken statt. In ihnen lassen sich Zahlungen abwickeln, ohne dass es einer Vertrauen schaffenden zentralen Bank oder staatlichen Währung bedarf.

Die Funktionsweise von Blockchains ist so einfach wie das Führen eines Geschäftsjournals, nur mit viel mehr Einträgen sowie dezentraler und globaler Verwaltung: Blockchains sind elektronisch gespeicherte Journale („Blöcke“), die – daher der Name – kettenförmig zusammenhängen und für jedermann einsehbar auf vielen Computern zugleich gespeichert sind. Das Eigentum des Geldes entspricht dabei dem Besitz eines geheimen digitalen Schlüssels, der Zugang zum Guthaben in einem eigenen digitalen Portemonnaie gewährleistet. Dieser wird dann eingesetzt, wenn das Geld zwecks Bezahlung jemandem anders übertragen werden soll. Eine solche Transaktion wird dann in der Blockchain eingetragen.

Während wir beim gewöhnlichen Zahlungsverkehr einer Bank oder einer anderen vermittelnden Instanz vertrauen müssen, die die Sicherheit der Transaktion garantiert, ist dies in einer Blockchain die Aufgabe der Gemeinschaft aller Beteiligten. Eine Zahlung wird bei Vorlegen des korrekten Schlüssels von der Mehrheit der Teilnehmer abgesegnet. Korrekturen am System sind nur möglich, wenn die Mehrheit der Beteiligten diesen zustimmt. Aufgrund der hohen Teilnehmerzahl ist dies nach einer kurzen Weile kaum mehr möglich. Die Einträge der Blöcke in die Blockchain übernehmen dezentrale Knotenpunkte, wofür ihre Besitzer entlohnt werden (dies ist bei der Bitcoin-Blockchain der Fall; es gibt auch andere Modelle): Sie erhalten für ihre Tätigkeit neue Währungseinheiten. Das ist das „Schürfen“ neuer Bitcoins (engl. „mining“). Damit jeder daran teilnehmen kann und Chancen auf Schürferfolg hat und damit das Netz so breit wie möglich aufgestellt ist, müssen die Schürfer zunehmend aufwendigere mathematische Probleme lösen, bevor sie einen Eintrag vornehmen und dafür Bitcoins erhalten (in der Fachsprache: die Miners müssen ein „proof of work“ vorlegen, was mit Kosten für Elektrizität und Kühlung der Computer verbunden ist).

Die Blockchain-Technologie hat das Potenzial, Intermediäre wie Geld, Banken und Behörden durch eine Gemeinschaft vieler Nutzer zu ersetzen. Sie könnte wirtschaftliche Transaktionen und Organisationen auf eine ganz neue Basis stellen. Geld, wie wir es heute kennen, könnte komplett verschwinden. Anstatt einem staatlich regulierten Intermediär für Geschäftstransaktionen zu vertrauen, könnten die Menschen all ihre Bezahlungen direkt digital durchführen und in Blockchains registrieren. Der Anwalt, der beim Bäcker ein Brot kauft, zahlt mit einer direkten Transaktion, beispielsweise mit seinem Handy, die dann sofort in der Blockchain verbucht wird. Seinerseits erhält er sämtliche seiner eigenen Arbeitsleistungen von seinen Kunden direkt auf sein digitales Konto vergütet. Geld als Vermittler verschiedener Wirtschaftssubjekte und ihrer Käufe und Verkäufe braucht es dann nicht mehr. Die Technologie weckt daher gerade die Begeisterung derjenigen, die wirtschaftliche Prozesse jeglicher staatlicher Kontrolle entziehen wollen.

Die möglichen Anwendungen von Blockchains gehen jedoch weit über Geldgeschäfte hinaus. Blockchain ermöglicht, dass Menschen, die sich nicht kennen, eine verlässliche Aufzeichnung darüber führen können, was wem gehört und was wahr ist. Gegenseitiges Vertrauen ist dafür nicht notwendig, denn die Blockchain selbst garantiert die Integrität der Transaktionen. Ganz allgemein ermöglichen Blockchains das Aufzeichnen und Bewahren von „Wahrheiten“ (z.B. Eigentumsrechten), die weder von einem korrupten Staat noch von privaten Interessen manipuliert werden können, da solche Manipulationen stets von der Mehrheit der Benutzer dezentral bestätigt werden müssten. Laut Prognosen des Weltwirtschaftsforums wird bis 2023 der erste Staat Lohnsteuern mit Hilfe der Blockchain-Technologie einsammeln. Und bis 2027 sollen mindestens zehn Prozent des gesamten Weltbruttoinlandsprodukts auf Blockchains abgespeichert sein (WEF, Global Agenda Council on the Future ofSoftware & Society, Deep Shift Technology Tipping Points and Societal Impact, 2015). Dezentrale Grundbuchführungen auf der Basis von Blockchains sind bereits im Gespräch, was gerade in Ländern, in denen die öffentlichen Register unzuverlässig sind oder gar nicht existieren, einen bedeutenden positiven Einfluss haben könnte. Das zentrale Grundbuch, wie wir es kennen, könnte abgeschafft werden. Länder wie Honduras und Georgien, aber auch Schweden haben bereits weitergehendes Interesse an der Blockchain-Technologie zu diesem Zweck signalisiert. Und im März 2017 hat Dubai eine große Blockchain-Initiative angekündigt, nach der ab 2020 alle Regierungseinheiten und die gesamte öffentliche Verwaltung die neue Technologie verwenden sollen.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden schon bald viele Menschen viel Geld verlieren, wenn die Bitcoin-Blase und die anderer Kryptowährungen zuletzt platzen. Doch so richtig spannend wird es danach: Was wird mittel- und langfristig aus der ihnen zugrunde liegenden Blockchain-Technologie? Das sehr viel größere, weit über Bitcoin hinausgehende technologische Potenzial von Blockchains ist der eigentliche Grund, warum es sich lohnt, ihre Entwicklungen sehr genau zu verfolgen.

Lars Jaeger hat Physik, Mathematik, Philosophie und Geschichte studiert und mehrere Jahre in der Quantenphysik sowie Chaostheorie geforscht. Er lebt in der Nähe von Zürich, wo er – als umtriebiger Querdenker – zwei eigene Unternehmen aufgebaut hat, die institutionelle Finanzanleger beraten, und zugleich regelmäßige Blogs zum Thema Wissenschaft und Zeitgeschehen unterhält. Überdies unterrichtet er unter anderem an der European Business School im Rheingau. Die Begeisterung für die Naturwissenschaften und die Philosophie hat ihn nie losgelassen. Sein Denken und Schreiben kreist immer wieder um die Einflüsse der Naturwissenschaften auf unser Denken und Leben. Seine letzten Bücher „Die Naturwissenschaften. Eine Biographie“ (2015) und „Wissenschaft und Spiritualität“ (2016) sind bei Springer Spektrum erschienen. Im August 2017 erschien sein neustes Buch „Supermacht Wissenschaft“ beim Gütersloher Verlagshaus.

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