Select Page

Strategische Beteiligungen aus Fernost

Ein Sprichwort besagt: „Wenn der Fuchs den Hühnern seine Aufwartung macht, hat er keine guten Absichten.“ So oder so ähnlich erlebten zahlreiche Schweizer Firmen die Welle japanischer Übernahmen in den 1970er- und 1980er-Jahren, denn nur rund 10 Prozent der damals übernommenen Unternehmen sind heute noch am Leben.

Strategische Beteiligungen aus Fernost - Teil 1

Auch wenn viele Schweizer Inhaber ausländischen Investoren seitdem äußerst kritisch gegenüberstehen, standen sie in den letzten Jahren wieder zunehmend für Gespräche zur Verfügung. In gleicher Weise das schweizerische Traditionsunternehmen SIGG, das sich mit Hauptsitz in Frauenfeld und seinen etwa 90 Mitarbeitern auf das Herstellen von Trinkflaschen spezialisiert hat. Ganz überraschend war die Offerte der chinesischen Haers Vacuum Containers Co. Ltd. nicht, produzierte doch SIGG bereits Flaschen aus Edelstahl und Glas in China. Das schweizerische Unternehmen, das auf dem Gebiet der Aluminium-Trinkflaschen als globaler Marktführer gilt und durch die ikonische Form seiner Produkte globale Berühmtheit erlangte, gehört auch zur permanenten Kollektion des New York Museum of Modern Art. Letztlich wurden die Schweizer für 16,1 Millionen Franken übernommen und gesellen sich damit in prominente Gesellschaft.

So wurde beispielsweise der weltgrößte Flugzeugabfertiger Swissport, der im Besitz der französischen Beteiligungsgesellschaft Pai Partners war, für 2,73 Milliarden Franken von der chinesischen HNA Group übernommen. Das ehemalige Tochterunternehmen der damaligen Swissair beschäftigt in 48 Ländern rund 60.000 Angestellte und setzte zuletzt etwa 2,9 Milliarden Euro um. Sie soll unter dem Dach des HNA-Konzerns als eigenständiges Unternehmen weitergeführt werden und kann dank der Übernahme ihre Tätigkeit in Asien, allen voran in China, weiter ausbauen. Zum HNA-Konzern, welcher international im Hotel- und Tourismusgeschäft sowie im Flughafenmanagement aktiv ist, gehören übrigens mehrere regionale Fluggesellschaften, darunter mit Hainan Airlines das größte private Luftfahrtunternehmen Chinas.

Ein Serieninvestor aus China

Erst kürzlich lancierte ChemChina, mit einem Umsatz von derzeit rund 45 Milliarden US-Dollar eines der erfolgreichsten Staatsunternehmen Chinas, ein Kaufangebot für den Basler Agrarchemieanbieter Syngenta – nachdem ChemChina im Januar ankündigte, 12 Prozent des Genfer Rohstoffhändlers Mercuria Energie Group übernehmen zu wollen. Syngenta ist eines der weltweit größten Unternehmen aus der Agrarbranche und mit Stammsitz in Basel mit mehr als 28.000 Mitarbeitern in über 90 Ländern aktiv. Die Übernahme des Unternehmens, das vor allem mit kommerziellem Saatgut und Biotechnologie jährlich rund 13 Milliarden Dollar umsetzt, wäre nach Aussage der Beteiligten der bisher teuerste Zukauf eines chinesischen Unternehmens im Ausland. Das nach Schweizer Recht unterbreitete Angebot wurde von CNAC Saturn aus Amsterdam, die indirekt von ChemChina kontrolliert wird, unterbreitet. Pro Syngenta-Namensaktie sollten 465 Dollar in bar sowie eine Dividendenzahlung von maximal 16 Franken pro Anteilsschein für Syngenta-Aktieninhaber fließen.

Parallel erfolgte ein vergleichbares Angebot nach US-Recht für US-Aktionäre. Der Unternehmenserwerb stand zum Redaktionsschluss des Derivate Magazins unter dem Vorbehalt einer Zustimmung durch die Wettbewerbsbehörden – insbesondere des US-Regierungsausschusses zur Kontrolle von Auslandsinvestitionen in den USA (CFIUS). So befindet sich unter den bisherigen Syngenta-Anteilseignern der US-Vermögensverwalter Blackrock mit einem Anteil von 4,88 Prozent. Zumindest bestätigte ein Gutachten der chinesischen Kanzlei Fangda, dass die Trennung von Regierung und Unternehmensführung gewährleistet sei. Entsprechend erwartet die Schweizer Kommission daher keine staatlichen Eingriffe in die strategischen oder unternehmerischen Entscheidungen von ChemChina oder ihrer Töchterfirmen. Selbst der Syngenta-Verwaltungsrat hat bereits empfohlen, das Angebot aus China anzunehmen. Ihm wurde durch ChemChina zugesichert, dass nach einer Übernahme von den aktuell zehn Mitgliedern vier unabhängige Räte weiter amtieren dürften. Zusätzlich wurde vereinbart, Syngenta binnen fünf Jahren wieder an die Börse zu bringen.

Mit diesen Offerten bestätigte ChemChina erneut seinen Ruf als expansionsfreudiges chinesisches Unternehmen. Erst Anfang Januar war die Übernahme des deutschen Herstellers von Spezialmaschinen KraussMaffei für 929 Millionen Euro bekanntgegeben worden. Der chinesische Staatskonzern hat seit Mitte der 1990er Jahre zahlreiche Übernahmen in den verschiedensten Bereichen und Weltgegenden getätigt. So auch 2015, als der italienische Reifen-Hersteller Pirelli aufgekauft wurde.

Strategische Beteiligungen aus Fernost - Teil 2

Hilfsbedürftige Unternehmen gesucht

Dass es durchaus lohnend sein kann, ein notleidendes Unternehmen zu akquirieren, zeigte die Übernahme von Dürkopp Adler durch die ShangGong Gruppe im Jahr 2005. Denn das Bielefelder Unternehmen, das mit seinen industriellen Nähmaschinen noch vor beinahe unüberwindbaren Hürden stand, konnte mithilfe der Reorganisation und Produktionsauslagerung nach Rumänien schon bald wieder profitabel agieren. Für die Shanghaier ShangGong war dies jedoch nicht weniger als der Start einer strategischen Einkaufstour in Deutschland. Es folgte die Übernahme der angeschlagenen Pfaff Industriesysteme und Maschinen im Jahr 2013, übrigens ein seit 150 Jahren äußerst ungeliebter Wettbewerber von Dürkopp Adler. Nach der Integration der Kaiserslauterer in den Konzern des chinesischen Serieninvestors lernten die beiden deutschen Unternehmen aus der Welt der Industrie-Näh- und Schweißmaschinen, wenn auch als eigenständige Marken mit eigenen Produkten, die Zusammenarbeit unter einem Dach und das Ausschöpfen sinnvoller Synergien beim weltweiten Vertrieb, in der Produktentwicklung, dem Sourcing und der Produktion von Näh- und Schweißtechnik. Im persönlichen Gespräch mit der Redaktion des Derivate Magazins bestätigte Min Zhang, Vorstandsvorsitzender der ShangGong Gruppe, dass vor allem die individuelle Definition der Marktstrategien sowie die Fokussierung der Schwerpunkte in der Produktentwicklung den internen Wettbewerb vermieden haben.

Mit einer weiteren Übernahme in 2013, der von KSL Kellmann, stärkte ShangGong schließlich seinen Automatisierungsbereich. Die damit ohnehin bereits starke Präsenz in Europa unterstrich die Minderheitsbeteiligung von 26 Prozent am Reutlinger Traditionsunternehmen Stoll, dem führenden deutschen Hersteller von Flachstrickmaschinen. Letztlich zeigten die Übernahmen durch ShangGong, dass Befürchtung, der deutsche Mittelstand würde aufgekauft, zerlegt und nach China exportiert werden, unbegründet sind. Schließlich wurde sogar der Dürkopp Adler-Standort Bielefeld zum Forschungs- und Entwicklungszentrum des gesamten Konzerns ausgebaut. Das chinesische Ziel war es, die eigene Marktposition vor allem in China wieder aufzubauen, zu festigen und zeitgleich eine Internationalisierungsstrategie zu verwirklichen, um weltweit neue Märkte erschließen zu können.

Insgesamt lässt sich anhand der aufgeführten Beispiele festhalten, dass der wirtschaftliche Wandel Chinas zu einer innovativen Volkswirtschaft führt, in der chinesische Unternehmen zunehmend Unternehmen aus den Industrie- ländern auf Augenhöhe begegnen. Strategische Beteiligungen, Übernahmen und Kooperationen werden da auch in Zukunft nicht ausbleiben.

WUSSTEN SIE, …

… dass chinesische Investitionen im Jahr 2015 die Rekordmarke von 67,4 Milliarden Dollar erreichten. Immerhin rund 40 Prozent mehr als im Jahr 2014. Die meisten Zukäufe wurden in Europa und den Vereinigten Staaten getätigt.

Jetzt Newsletter abonnieren

Jetzt Newsletter abonnieren

Erfahren Sie, was wichtig ist - mit dem kostenlosen Newsletter des !derivate Magazins

Sie haben sich erfolgreich für den Newsletter angemeldet!