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Start-Ups – Chancen, Risiken, Kriterien für Investoren

Foto: JoshuaCreative / iStock

Niedrige Zinsen auf der einen und hohe Renditeerwartungen auf der anderen Seite bewegen Unternehmen wie Privatanleger dazu, in Start-up-Unternehmen zu investieren. Dabei sind der Vorstellungkraft keine Grenzen gesetzt – die Investorenreise kann sogar bis zum Mars gehen. Von den enormen Gewinnen der Investoren in WhatsApp, Facebook oder Uber wird häufig die gefährliche Seite dieser Medaille verdeckt. Denn aus überoptimistischen Start-up-Träumen kann schnell ein Alptraum werden.

Start-ups – gemäß dem „Deutschen Startup Monitor 2016“, einer Studie von KPMG, sind das Unternehmen, die jünger als 10 Jahre sind und über ein hoch innovatives Produkt verfügen. Erfolgsstorys über verdiente Milliarden findet man heute an jeder Ecke. Das gesamte Segment ist darauf ausgerichtet, positiv zu sein und positiv zu denken. Natürlich – denn wer nicht überzeugt, bekommt auch kein Geld. Und so haben sich Start-ups zu einer eigenen Welt mit eigenen Messen, Medien und vor allem Regeln entwickelt. Disruptiv bringen sie bestehende Branchen durcheinander und machen Geschäftsmodelle obsolet. Trotz der teilweise hohen Investitionen können Start-ups natürlich scheitern.

Keine Branche bleibt verschont

Heute sind viele Branchen digitalisiert. So hat beispielsweise die klassische Werbeagentur längst ausgedient. Das Design von Flyern oder gar ganzen Magazinen übernehmen Onlinetools wie canva.com zum Teil kostenlos. Das Konzept der klassischen Push-Werbung hat sich nach und nach in Content- und Performance Marketing gewandelt. Doch die Digitalisierung ist noch lange nicht am Ende.

Unternehmen bereiten sich und ihre Produkte auf das Internet der Dinge vor und auch hier spielen Start-ups eine herausragende Rolle. Entsprechend installieren Konzerne aus allen Branchen ihre eigenen Venture-Capital-Unternehmen, um sich den Markt von morgen zu sichern.

Einhörner sammeln das meiste Geld ein

Start-ups mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde Dollar sind auch als Einhörner bekannt. Da dies heute häufiger vorkommt als die Fabelwesen, hat eine Verfeinerung des Begriffs stattgefunden: Demnach werden Unternehmen mit einer Bewertung von über zehn Milliarden Dollar als Decacorns, also Zehnhörner, bezeichnet.

In Deutschland ist ein leichter Anstieg der Investititionen in Einhörner zu verzeichnen. Laut einer Studie von KPMG haben Einhörner in Deutschland im ersten Quartal 2017 rund 400 Millionen Dollar eingesammelt. Der Quartalsdurchschnitt der letzten beiden Jahre lag bei 380 Millionen Euro. Vor allem die Bereiche FinTech und Life Science profitierten – sie erhielten etwa 40 Prozent des investierten Kapitals. Im gesamten Jahr 2010 wurden laut KPMG gerade mal 700 Millionen Dollar in Deutschland investiert.

Deutschlands bekannteste Start Up-Schmiede

Auch Rocket Internet aus Berlin fungiert als Venture-Capital-Unternehmen. Gegründet von den drei Samwer-Brüdern, die einst die Werbelandschaft mit Jamba-Klingeltönen überfluteten, hat sich Rocket in den letzten Jahren zu einem Global Player entwickelt. Unternehmen wie Zalando oder HelloFresh sind international bekannt und gehören zu den erfolgreichsten Investments. Mit dem Global Founders Fund investieren die Samwer-Brüder direkt in die von Rocket gegründeten Start-ups aus den Bereichen Food & Groceries, Fashion, General Merchandise sowie Home & Living oder sichern sich Anteile an vielversprechenden externen Gründungen. Zur Risikodiversifizierung lohnt sich durchaus ein Blick auf die zwischenzeitliche Performance der Rocket-Aktie (WKN A12UKK). Seit dem Börsengang im Oktober 2014 und dem Höchststand der Raketen-Aktie bei über 57 Euro hat das Papier fast 65 Prozent an Wert verloren – ein Grund dafür dürfte in der Konsolidierung von Rocket liegen, denn auch Rocket Internet hat ein paar „Fuck-ups“ hingelegt.

Das Land der Banken

Deutschland ist dank Frankfurt ohnehin ein äußerst starker Bankenstandort. Zudem ziehen einige Banken Mitarbeiter aus London ab, um sie in Paris und Frankfurt zu platzieren. Auch hier wird versucht, die Schwarmintelligenz der Menschen zu nutzen. Social Trading nennt sich ein Trend, bei dem Investoren ihre Depots öffentlich führen und somit Neulinge die Möglichkeit haben, zu lernen und ihr Risiko zu minimieren. Anbieter sind hier zum Beispiel etoro.com oder wikifolio.de.

Social Trading ist eine innovative Methode der Geldanlage, die mit Zulutrade 2007 ihren Anfang nahm. Allerdings war bereits der erste Börsenbrief nichts anderes als die Weitergabe von Handelssignalen. Beim Social Trading erfolgen die Signale dagegen in Echtzeit und die Stärken der besten Anleger können für aktives und passives Trading genutzt werden.

Auch die Banken haben Social Trading für ihre Kunden entdeckt und vernetzen sich mit den neuartigen Plattformen. Verdienten sie in der Vergangenheit ihr Geld traditionell mit Krediten und Zinsen, wurde die Luft auch durch die Niedrigzinsphase der letzten Jahre dünner. Kleinere Anbieter wie bonify.de zum Beispiel vermitteln ihren Nutzern Finanzprodukte passend zu und abhängig von deren Finanzsituation und Bonität. Kapilendo dagegen positioniert sich als Online-Kreditmarktplatz, der kleinen und mittelständischen Unternehmen eine Finanzierung durch Privatleute ermöglicht. Engel & Völkers Capital ermöglicht sogar ab 100 Euro den Einstieg in die Finanzierung von Luxus- und Geschäftsobjekten.

Alle gemeinsam

Kleinanleger können von dem seit Jahren anhaltenden Trend hin zur Crowd profitieren. Das einfachste Investitionsvehikel stellt Crowdfunding beziehungsweise Crowdinvesting dar. Der Unterschied: Beim Crowdfunding kauft der Investor das Produkt, welches zwar Marktreife hat, aber noch nicht erhältlich ist, zu einem Vorzugspreis. Beim Crowdinvesting beteiligt sich der Investor direkt an dem Unternehmen. Die Plattformen im Netz, über die Gründer Geld bei Investoren und Kleinanlegern einsammeln, heißen zum Beispiel Seedmatch, Startnext, Bergfürst, Companisto oder Kickstarter. Wie eine Beteiligung strukturiert wird, entscheidet das Unternehmen selbst. In den Jahren 2012 bis 2016 wurden insgesamt 4.845 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 183,5 Millionen Euro durch Crowdfunding finanziert. Seit dem 10. Juli 2015 sind die Rechte des Crowd-Investors im Kleinanlegerschutzgesetz geregelt.

 

www.etoro.com Etoro.com verspricht den Handel mit hunderten weltweiten Vermoögenswerten, darunter Aktien, Waährungen, Indices und Rohstoffe sowie neue ETFs mit konkurrenzfaähigen Margen und exiblem Hebel
www.avatrade.de Ermöglicht den Handel von Bitcoin-CFDs
www.wikifolio.de Der Investor kann unterschiedlichen Wikifolios folgen und deren Investitionen für das eigene Depot übernehmen
www.thewhitebox.eu Online-Vermoögensverwalter mit einer jahrzehntelangen erfolgreichen und in Studien überprüften Investitionstheorie (lt. eigener Website)
www.easyfolio.de Der Investor kann erfolgreichen Tradern folgen, gleichzeitig unterschiedliche Depots einzusehen und diese Strategien für sich übernehmen
Quelle: Derivate Magazin

 

„Mit Crowdfunding ist heute alles möglich. Unser Produkt iCrowdU verbindet alle Arten des Crowdfundings auf einer Plattform und macht sie damit viel leichter zugänglich. Wir binden sogar die sozialen Netzwerke mit ein und sind damit komplett transparent.“

 

Alexander Holtermann, CIO von iCrowdU
Direkt investieren

Eine andere Möglichkeit sind Direktinvestitionen in Aktien. Ein Start-up, das den Weg an die Börse geschafft hat, kann im Regelfall ein funktionierendes Geschäftsmodell und seine Börsentauglichkeit nachweisen. Trotzdem ist hier zu bedenken, dass ein Start-up trotz IPO nicht zwingend schwarze Zahlen schreiben muss. Dazu kommt die Gefahr einer sehr volatilen Aktie. Das Verständnis des Marktes sowie eine grundlegende Fundamentalanalyse sind hier dringend empfohlen.

Venture-Capital-Fonds

Jeder Fonds hat nicht nur seinen eigenen Investment-Fokus, sondern auch eine eigene Herangehensweise. Während die klassischen VC-Fonds von großen Investoren und Konzernen mit Kapital ausgestattet werden, haben sich auch hier neue Modelle etabliert. Kleinere Unternehmen oder auch Freunde mit unternehmerischer Erfahrung schließen sich zusammen und bringen Kapital und Erfahrung mit. Saarbrücker21 ist nur ein Beispiel. Die Investoren haben alle mindestens ein Unternehmen erfolgreich aufgebaut und sorgen mit ihrer Erfahrung dafür, dass ihr investiertes Kapital nicht Anfängerfehlern zum Opfer fällt.

Brutkasten für Ideen

Als zukunftsträchtig werden derzeit vor allem die für die Umsetzung von Geschäftsideen im Internet gegründeten Inkubatoren erachtet. Sie unterstützen Start-ups mit Venture Capital, begleiten die Gründer, bieten personelle Unterstützung und Infrastrukturlösungen. Beispiele aus Deutschland sind hub:raum, Main incubator oder Project A Ventures. Neben Inkubatoren werden auch Acceleratoren immer beliebter. Primär sind Acceleratoren auf die Unterstützung von Start-ups mit IKT-Schwerpunkt (Informations- und Komunikationstechnologie) ausgerichtet. Accelerator-Angebote gibt es aber auch für Start-ups aus der Medizin-, Bio- oder Clean-Technik. Oftmals werden beide als Inkubatoren bezeichnet, obwohl sie sich in wesentlichen Punkten unterscheiden.

Investieren in FinTechs

Zertifikate, die auf die Entwicklung junger Techfirmen setzen, gibt es bislang kaum. Als eine der ersten Banken hat UBS ein Papier herausgegeben, mit dem Anleger an der Entwicklung mehrerer FinTechs teilhaben können. FinTechs sind Start-ups, die Banken Konkurrenz machen und zum Beispiel Lösungen zum mobilen Bezahlen entwickeln. Das Solactive Fintech 20 Total Return Index-Zertifikat (WKN UBS1FT) bildet die Kursentwicklung des gleichnamigen Index ab, der die Wertentwicklung von 20 börsenotierten Unternehmen widerspiegelt, die im Bereich FinTech tätig sind und dem Anleger damit zielgenau eine Geldanlage in die wichtigsten Unternehmen der Branche ermöglicht. Bei genauerer Betrachtung des Index zeigt sich allerdings, dass die meisten von ihnen bereits seit Jahren am Markt aktiv sind und daher streng genommen keine Start-ups mehr sindFür Anleger, die das Einzelrisiko eines Aktieninvestments nicht scheuen, könnte ein Blick auf die FinTech Group AG (WKN 524960) interessant sein. Hierbei handelt es sich um eines der führenden Finanztechnologieunternehmen aus Deutschland, das eine Kooperation mit Rocket Internet in Erwägung zieht, um FinTechs noch schneller an den Markt zu bringen.

Ein weiteres Beispiel wäre die Quirin Bank (WKN 520230). Diese hat mit quiron ein Robo-Advisor-Produkt am Markt, mit dem sie aktuell 40 Millionen Euro verwaltet.

Bei der German Startups Group (WKN A1MMEV) handelt es sich um eine Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Berlin und Fokus auf jungen, schnell wachsende Unternehmen. Sie erwirbt Mehrheits- und Minderheitsbeteiligungen, insbesondere durch die Bereitstellung von Venture Capital.

Venture Capital oder auch Wagniskapital

Bevor sich ein Investor für eine Investition in ein Start-up entscheidet, sollten die einzelnen Investitionsphasen analysiert werden. Investoren sollten sich fragen, in welcher Phase sie investieren möchten. Die Seed Stage (Vorgründungsphase), also der frühesten Phase des Unternehmens, birgt Gefahren, verspricht aber die höchsten Renditen. Investoren können ihr Risiko minimieren, indem sie ihre Investition als Fremdkapital einbringen, zeitlich befristen und dessen Rückzahlung vorrangig gegenüber den Gründern behandeln lassen. Bringen sie allerdings das Kapital als Eigenkapital ein, wird es nicht vorrangig behandelt, verspricht aber höhere Rendite.

Die Start-up-Phase bringt bereits die Struktur in Form der Unternehmensgründung und der Erstellung des Business-Plans ein. In der Wachstumsphase wird dagegen das meiste Kapital benötigt: Die Marktdurchdringung steht an und die Gewinnzone wird angestrebt. Das Geld wird in dieser Phase meist für den Vertriebsausbau genutzt.

In der Later Stage wird das Unternehmen konsolidiert. Sanierungen und Umstrukturierungen werden fällig, um die Gewinnzone zu erreichen oder den Gewinn zu optimieren. Hier erfolgt meistens der Management-Buy-Out inklusive der Akquise von neuem Fremdkapital. In der Steady Stage hat sich das Unternehmen am Markt etabliert. Es gilt, das Unternehmen mit weiteren Produkten oder Dienstleistungen fit für weiteres Wachstum zu machen.

Qualität erkennen

 

Geht es um eine Investition in ein Unternehmen, wird diese unabhängig vom Alter des Unternehmens getätigt. Entscheidendent sind die verantwortlichen Menschen. Bei Start-ups sollten die Gründer bereits mehrere Jahre Erfahrungen gesammelt haben. Dazu ist die Zusammensetzung der Führungsriege wichtig. Mehrere Führungskräfte mit komplementären Erfahrungen verringern das Risiko des Scheiterns.

Ein guter Indikator sind die Investoren. Sobald große Namen Investitionen tätigen, kann davon ausgegangen werden, dass das Geschäftsmodell detailliert durchleuchtet und für zukunftsfähig befunden wurde. Auch eine Förderung ist ein gutes Zeichen. Gefördert werden laut Bundesministerium für Energie und Wirtschaft nur innovative Projekte mit hohem Wachstumspotenzial, internationaler Marktdimension und in Kürze geplantem Markteintritt sowie nachgewiesenem Proof-of-Concept. Erfolgt die Nominierung oder sogar der Gewinn eines Preises (z.B. deutscher Gründerpreis), kann mit guten Gewissen die Tiefenanalyse starten.

Ohne Risiko geht es nicht

 

Bei jeder Investition muss das Risiko minimiert werden. Dafür ist eine Risikodiversifikation unerlässlich, die über unterschiedliche Fonds, Branchen, Aktien und Crowdfunding-Projekte erfolgen kann. Dafür sollte man sich anfangs mit einer geringeren Rendite zufriedengeben. Eine Empfehlung könnte daher lauten, der Schwarmintelligenz zu vertrauen und zu lernen, wie der Markt neue Geschäftsideen einschätzt. Start-ups stellen eine lukrative Investitionsmöglichkeit dar. Allerdings sollte auch hier das Risiko auf unterschiedliche Unternehmen und Branchen verteilt werden und es empfiehlt sich, nur in solche Projekte zu investieren, deren Geschäftsmodell man versteht. „Wenn man Aktien junger Firmen kauft, ist das Risiko grundsätzlich größer als bei etablierten Konzernen“, sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Verbraucherschützer raten, allenfalls „Spielgeld“ einzusetzen: Geld, auf das man im Zweifel verzichten kann. Start-ups haben nicht nur viele Milliardäre und Millionäre hervorgebracht, sondern auch viel Gutes bewirkt. Die Art und Weise wie wir heute leben, wäre ohne Innovationen und Vordenker nicht vorstellbar.

CROWDFUNDING

Donation-based Rewarded-based Lending-based Equity-based
Spendenbasierte Crowdfunding, z.B.

Crowdfunding mit Gegenleistung, z.B.

kreditbasierte Crowdfunding, z.B.

Crowdinvesting, z.B.

Quelle: Derivate Magazin

Die größten Venture-Capital-Unternehmen in Deutschland

Name Fokus
Tengelmann Ventures Early- und Later-Stage-Investments in den Bereichen Consumer Internet, Marketplaces und Technologie
Bertelsmann Digital Media Investments BDMI Investiert aus einem Seed- und einem traditionellen Fond im Frühstadium. Vorrausetzung für ein Investment aus dem Seed-Fond ist die Existenz eines Produktes bzw. einer Dienstleistung, die bereits am Markt ist
Boehringer Ingelheim Venture Fund Boehringer investiert in Immunmodulation, im Speziellen Immun-Onkologie und Geweberegeneration wie Stammzellen und neue Therapieformen, zur Gentherapie und Zelltherapeutika
Robert Bosch Venture Capital RBVC Investiert im Seed-, Früh- und Spätstadium und beteiligt sich an Folgeinvestitionen an privaten Unternehmen
Merck Global Health Innovation Fund Merck investiert unter anderem in Präzisionsmedizin, Lösungen zur Entscheidungsunterstützung bei Ärzten und Gesundheitsinformationen
Quelle: Derivate Magazin, berlinvalley.com stellt eine umfassende Übersicht mit Venture-Capital-Unternehmen zur Verfügung.
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